Nein Vater, sagte Felix, ihm die Hände reichend, das laß ich heut nicht gelten. Alles war, wie es sein sollte, und nach der großen Freude, die auch in Dir das trübe Buch der Vergangenheit zumachte, darf wenigstens heute kein Rückfall eintreten.
Es war, wie es sein sollte, sagte Herzer melancholisch lächelnd. Ja, wir haben gethan, was wir immer thaten; denn auch in solchen Zeiten und in unserem Stande, sorgt der einfache Bürger so lange er es irgend vermag dafür, daß diejenigen nicht den Druck und die Noth merken, welche für ihn arbeiten und zu ihm gehören. Das ist, fuhr er mit einem Gefühl des Stolzes fort, eine schöne, alte und gerechte Sitte und ein wohl zu merkender Unterschied zwischen uns und vielen vornehmen Leuten, die sich selbst nichts entziehen mögen, aber es Andern knapp zumessen. O! sie werden auch darum wieder Steine auf mich werfen, wenn sie hören, daß ich in gewohnter Weise meine Arbeiter beschenkte.
Ich glaube nicht, daß das Dich so tief betrüben kann, fiel Felix ein.
Nein, sagte Herzer, es ist der Menschen Art so. Was mich betrübte, war die Erinnerung an Vergangenheit und Zukunft. Vor zwei Jahren war dieser Saal kaum groß genug, um die Zahl der freudigen, glücklichen Menschen zu fassen, die mit Liebe und Dankbarkeit mich umringten. Im vergangenen Jahr war der Kreis wohl kleiner geworden, aber wir waren hoffend und muthig; heut ist nur Eine Tafel gedeckt worden, Ein Baum brennt nur noch, und wie nun Alles leer und öde um mich wurde, dachte ich mit Kummer an das nächste Jahr. Wer wird dann die Lichter hier anzünden, wer wird dann um mich sein, Felix? Vielleicht, sagte er mit hohler Stimme, seine Hand über die Stirn deckend, stehe ich dann ganz einsam hier vor dem stillen Tische und Niemand giebt mir Antwort; Niemand der mich liebt, den ich liebe.
Gewiß nicht, Vater, erwiderte der Sohn tröstend, ich denke, es soll fröhlicher dann hergehen; aber wo liegt denn überhaupt der Grund zu solchen trüben Gedanken? Ich habe heut glücklich das Geld herbeigeschafft, um Gravenstein zu befriedigen. Zu jeder Stunde kann er es haben. Unsere Aussichten können sich beruhigend auf die Zukunft richten, denn wir besitzen begründete Hoffnungen, daß unser Unternehmen gut ausfallen wird; auch wissen wir ja am besten selbst, daß es nicht so übel mit uns steht, wie Feinde und Verläumder es gern sähen. Endlich aber, mein Vater, hast Du ja Deine beiden Kinder, die in Liebe bei Dir sind und immer sein werden, mag auch Alles Dich verlassen und alle Hoffnungen als Täuschungen zusammenbrechen.
Herzer antwortete nicht, aber er zuckte jäh zusammen, als zwei weiche Arme sich um seinen Nacken legten und seine Tochter, die leise herbeigetreten war, mit klaren, glänzenden Blicken ihm ins Auge schaute.
Muth! mein geliebter Vater, Muth! rief sie ihm zu, wir werden uns nicht schrecken lassen; wir werden aushalten mit Dir und endlich wird Alles gut werden, was böse war. Endlich wird das Glück wiederkehren und mit seinem Frieden auch unsere Wunden heilen.
Ein langer Blick des Vaters, der aus anfänglicher Strenge in Rührung und heftige Bewegung überging, war die Antwort. Er küßte Clara auf die Stirn und lächelte ihr zu. Mein Clärchen, sagte er, Dein Glück und der Frieden Deiner Zukunft sind es ja, mit denen sich meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigen. Alles will ich opfern, Alles, mein armes Kind, auch meine letzten Freuden, um Dich zu sichern.
Komm, erwiderte sie zärtlich, ihm die Hand reichend und ihn fortziehend, heute soll uns nichts mehr betrüben. Ich habe Dir auch etwas aufgebaut, ganz wie sonst in der guten Zeit. Kommt Beide, fuhr sie fort, nach Felix die andere Hand ausstreckend; unten erwartet uns das gedeckte Tischchen und die hellen Lichter warten schon lange; laßt sie nicht vergebens leuchten.
Mit frohen Mienen führte sie Vater und Bruder fort und lächelnd öffnete sie die Thür des Wohnzimmers, in dessen Mitte zwischen Lampen und Lichtern der Festtisch stand. Er war mit Blumen geschmückt und auf der einen Seite vor dem Teller mit Konfekt, wie der Vater es liebte, lag ein schön gesticktes Schlummerkissen, auf der andern Seite die funkelnde Stahlbörse, welche Clara mit Mühe erst wenige Stunden vorher fertig gemacht hatte.