Wer ist der Mann? fragte er in seiner entschiedenen Art.
Ein Mann, erwiderte Felix, den ich Dir dringend empfehle, lieber Vater, und um dessentwillen es mir lieb ist, ihn Dir persönlich bekannt zu machen. — Merkwürdiger Weise, fuhr er dann fort, hat der berühmte Mann, welcher immer nur mit vornehmen Freunden umgeht und den wir alle genugsam kennen, eine besondere Zärtlichkeit für die naive reine Naturwahrheit gefaßt, welche er bei Mertens gefunden haben will. Er hat ein eben so empfängliches Herz wie Don Juan, aber er ist völlig unschädlich, Mertens, sie können es sich ruhig gefallen lassen. Ich sollte freilich meinen, meine Gegenwart hätte wie Assa foetida auf ihn gewirkt, denn unter Allen, die ihn je verhöhnt und verspottet haben, bin ich ihm stets der Widerwärtigste gewesen. Ich habe ihn also nicht vertrieben? Er ist wiedergekommen mit neuen Narrheiten? Heraus denn mit der Sprache, ohne alle Umstände. Hier ist mein Vater, der Alles hören kann und hier meine Schwester, der er oft genug seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres Geschwätz zum Besten gegeben hat, bis wir es glücklich dahin brachten, daß er uns sämmtlich gründlich verachtet.
Die Sache ist die, sagte Anton noch immer bedenklich, daß er heut Abend kam und durchaus wissen wollte — von wegen — na, Sie wissen wohl, was ich alleweil meine. Er wollte mich absolut mitnehmen zu dem Geheimrath, da sollt ich eine Erklärung abgeben vor Gericht, oder so dergleichen, wegen des Schusses, na, sie wissen ja schon und von wegen der jungen Dame, denn die Tücher hatte er einmal gesehen und erzählt war es auch worden. Nein, nein! fuhr er fort, indem er Clara zuwinkte, und die Hand wie zum Schwure aufhob; gar nichts hat er erfahren, und eher wollte ich meinen Kopf auf den Block legen, und Guste legte ihren Kopf dazu, ehe ein Mensch von uns etwas erführe.
Aber ich! fiel hier Herzer ein, der seinem Sohne befehlend zuwinkte, welcher Anton zum Schweigen zu bringen suchte, ich will Alles wissen, von wem ich es auch erfahren mag.
Es wäre besser, lieber Vater, sagte Felix, wenn Du mir gestattetest, mit diesem wackeren Manne auf mein Zimmer zu gehen.
Nein! erwiderte Herzer mit Strenge, nein! — Vielleicht sind meine Ahnungen schlimmer, als die volle Wahrheit, und es ist leichter diese zu ertragen, als länger in halben Ungewißheiten umherzutappen. — Ich befehle Dir, mir nichts mehr zu verbergen! — Reden Sie, Herr Mertens, was wollte der Geheimrath wissen? Was sollten Sie beschwören?
Es trat eine Pause ein, die Keiner zu unterbrechen wagte. Der alte Mann mit bleichen, zitternden Lippen und weit geöffneten Augen, aus denen eine düstere Entschlossenheit leuchtete, stand vor dem armen Anton, der seine Blicke ängstlich zu Boden schlug, oder sie scheu und hülfebittend zu den Geschwistern hinüber sandte. — Ohne Regung und bleich, wie ein Marmorbild, stützte Clara den angespannten Arm, dessen Muskeln und Sehnen sich krampfhaft zusammengezogen hatten, in die Hand ihres Bruders. Ihr Gesicht war stolz aufgerichtet, ihre Augen glänzten furchtlos darein, aber ein schmerzliches Lächeln zuckte um die feinen Lippen und mit gewaltsam schweren Athemzügen hob sich ihre Brust.
Haben meine Kinder keine Antwort für mich? rief Herzer mit der Bitterkeit des Unglücks. Ist es mit uns dahin gekommen?!
Antworte, Felix, sagte Clara mit leiser, fester Stimme. Du wirst nicht wollen, daß ich es thun soll.
Was verlangst Du zu wissen, Vater, sprach der Sohn entschlossen vortretend. Soll ich Dir nochmal die Geschichte erzählen, die Du vor wenigen Tagen von mir hörtest? Von einem Mädchen, die schamlos betrogen und verrathen wurde und keinen Schützer hatte, als ihren entfernten Bruder, der endlich, als er nach Hause zurückkehrte, ihren Kummer bemerkte und in sie drang, die Kette von Nichtswürdigkeiten erfuhr, deren Opfer sie geworden war.