Ich habe es gethan, erwiderte Felix mit ruhiger Entschlossenheit, denn es blieb keine andere Wahl. Entweder war Alles verloren, entweder gelang es diesen Elenden, uns zu verderben, oder, es mußte Etwas geschehen, uns vom Aeußersten zu befreien. Es ist möglich, fuhr er fort, daß ich gesündigt habe in den Augen der Menschen, daß ich gefrevelt habe gegen ihre Satzungen, aber vor meinem Gewissen nicht. Gravenstein gab mir sein Ehrenwort bis zum Ablauf der Frist zu schweigen. Es war mir so, als verstehe er Alles, was ich that. Sein Blick schien bis in meine Seele zu dringen, es leuchtete etwas darin, was aussah wie eine Billigung. Er nahm die Papiere, steckte sie ein und sagte: Verlassen Sie sich darauf, keine Hand wird daran rühren, ich hoffe jedoch, daß Sie zur gestellten Zeit dies Pfand, was für mich keinen Werth hat, zurücknehmen. Ich versprach es ihm mit meiner Hand, die er annahm. Ich kann nicht glauben, daß er gemein und verächtlich gehandelt haben sollte.
Du hörst es ja, seufzte Herzer. O! jetzt verstehe ich den falschen, lauernden Blick Wilkau’s, als er mich nach den Wechseln fragte, die Zippelmann unterzeichnen sollte.
Wie dem auch sein mag, sagte Felix, ich will vor ihn hin treten und Rechenschaft fordern auf der Stelle. Sein Geld liegt bereit, ich fordere mein Pfand zurück. Wehe ihm! wenn er es nicht herausgiebt; wehe denen, die ihn dazu vermochten! Was auch geschehen möge, Vater, ich habe es zu tragen, ich allein! Beruhige Dich, Dein Name, Deine Ehre sollen nicht leiden, und welchem Richter ich auch Rechenschaft geben muß, ich will mein Haupt stolz vor ihm aufrichten, stolzer bei jedem Verdammungsurtheil, denn ich habe gethan, was ich mußte.
Als er sich rasch entfernte, schien Herzer ihm nacheilen und ihn aufhalten zu wollen, aber er blieb nach den ersten Schritten stehen. Er hat Recht, sagte er dann weit ruhiger und gefaßter, was geschehen soll, muß sogleich geschehen. Aber er soll nicht allein gehen, ich will ihn begleiten. Was ihn trifft muß mich mit treffen, denn ich — ich habe es gewußt, murmelte er vor sich niederstarrend und — ich habe geschwiegen.
Was willst Du? fragte er sich aufrichtend, als er sah, daß Clara schweigend Hut und Mantel nahm und sich anschickte ihn zu begleiten.
Mein theurer Vater, antwortete sie sanft, Du darfst nicht gehen ohne mich. Wenn es so sein muß, daß wir vor denen erscheinen sollen, die uns hassen und verfolgen, um ihnen zu sagen, da sind wir, denen ihr Uebles gethan habt, aber gerechter, als ihr und ehrenvoller in unserer Unehre, so darf ich nicht fehlen. Ich bitte Dich, fuhr sie dringender fort, laß mich nicht hier allein. Wenn wir Gravenstein aufsuchen wollen, können wir ihn nicht anders finden, als bei Wilkau. Mehr als einmal haben wir ein frohes Weihnachtsfest gefeiert, jetzt werden wir Alle dort beisammen finden, die uns wie böse Geister empfangen.
Der Vater bewegte leise beistimmend den Kopf, und ohne einen weiteren Einspruch machte er sich zu dem schweren Gange bereit.
Während dieser ganzen Zeit stand Anton an der Thür völlig ungewiß, was er thun sollte. Einige Male machte er eine Wendung, als wollte er seinem Gönner Felix nacheilen, aber ehe er seinen Entschluß auszuführen vermochte, traf ihn wieder ein Blick aus den gramvollen, düsteren Augen des alten Herrn, oder das bleiche Fräulein sah ihn so liebreich und doch so traurig an, daß er bleiben mußte, weil es ihm war, als könne sie ihn nöthig haben.
Das Herz des gutmüthigen Mannes war mit warmer Theilnahme gefüllt. Alles, was er hörte und sah rief diese hervor, obenein aber war Herzer ein seiner Grundsätze wegen Verfolgter und diese Grundsätze theilte Mertens aus voller Seele. Seine Augen glänzten in Hingebung und Treue. Arm und ohnmächtig wie er war, hätte er doch gern irgend etwas thun mögen, um zu zeigen, wie mächtig das Band der Zuneigung sei, daß ihn an diese verfolgte Familie fessele.
Mit Eifer nahm er den Augenblick wahr, als Herzer seinen Rock beim Ausziehen nicht gleich auf die Schulter ziehen konnte, um ihm zu helfen, und während er diese Arbeit verrichtete, konnte er nicht umhin, seine Trostworte zu wiederholen. Es ist alleweil eine Schande, sagte er, wie es hergeht. Die es redlich meinen mit ihren Mitmenschen, werden gehetzt, wie wilde Thiere, aber man muß sich nicht unterkriegen lassen. Von mir sollen sie nichts erfahren und darum mögen sie ruhig sein, Herr Herzer. Wenn’s auch so kommt wie ich denke, es wird nichts daraus, niemals nichts daraus!