Morgen essen wir bei Ministers, erwiderte Friedrich im Gefühl seiner Würde, und übermorgen giebt Gravenstein das erste Souper in seiner neueingerichteten Wohnung. Nächstens aber werden wir etwas erleben, meine Damen, worüber Sie sich Alle außerordentlich wundern werden.
Was werden wir denn erleben, theuerster Herr Friedrich? rief die Jungfer lachend. Etwa das erste Aufgebot? Als ob wir das nicht schon längst wüßten?
Friedrich blinzelte mit den Augen und nickte dazu. Sie wissen es also schon, sagte er verwundert. Gleich nach Neujahr geht es los. Es kommt eine frohe Zeit für uns, meine Damen. Der Stern des Morgenlandes ist uns in Pommern aufgegangen. Knickrig ist er nicht, ich habe das verschiedentlich zu bemerken Gelegenheit gehabt; also aufgepaßt, Fräuleins, es wird vielleicht mehr setzen als heute. — Die Zeiten sind schlecht, man muß überall Ersparnisse machen, sagte die Frau Geheimräthin zu mir.
Na, damit soll sie uns nicht kommen, riefen die Mädchen im Chore. Wenn sie sparen will, braucht sie nicht alle die Bettelei sich auf den Hals zu laden. Großthun mit den vielen Wohlthaten und: lasset die Kindlein zu mir kommen, worüber der verrückte Professor heut Abend wieder eine lange unvernünftige Rede gehalten hat, ja, das möchten sie wohl; aber die Leute scheeren und ihnen ein paar Thaler abzwacken — nicht wahr? Nein! schrieen sie einmüthig erhitzt, wenn es so geht, so sagen wir auf, und machen, daß wir fortkommen. Seit sie hier patriotisch und fromm geworden sind, ist so nichts mehr anzufangen.
Meine Damen, sagte Friedrich sehr belustigt, und den Finger an die Nase legend, Sie verstehen zwar nichts von den großen Ideen der Menschheit und der Pulletük, aber wenn Sie etwas pullitüsch nachdenken, so werden Sie doch ihre grausamen Vorsätze uns zu verlassen aufgeben, indem Sie sich an die Hochzeits-Geschenke erinnern.
In diesem Augenblick dröhnte durch die Flügelthüren aus dem Familienzimmer ein lautes und anhaltendes lebhaftes Sprechen und der Lärm froher Geselligkeit herüber.
Da geht es los! rief der Bediente, die Bescheerung geht los. Nun kommen wir auch bald an die Reihe! schrieen die Mädchen.
Die gesammte Dienerschaft drängte sich um das Schlüsselloch. Was das Fräulein nur bekommen wird, flüsterten sie sich zu. — Sie ist so neugierig, sie konnte die Zeit nicht erwarten. — Ach, er ist gefährlich reich, er wird ihr schon aufbauen. — Schade, daß man hier gar nichts sehen und hören kann.
Während sie sich vergebens bemühten, einzelne Worte und Ausrufungen zu erhaschen, endlich aber von der eintretenden Wirthschaftsmamsell verjagt wurden, hatte wirklich die Scene des gegenseitigen Beschenkens in der Familie stattgefunden.
Alfred von Gravenstein war der Einzige in dem kleinen Kreise, der eine ärgerliche Falte auf der Stirn nicht ganz überwinden konnte, wie viele Mühe er sich auch damit gab. Er hatte gehofft, mit Elisen und ihren Eltern allein zu sein, aber die Geheimräthin hatte entweder den Professor festgehalten, als die Kinderbeschenkung im Saale vorüber war, oder der Professor hatte sich an die Geheimräthin festgekettet, kurz er erschien auf die Spitzen tretend und in rosenrother Verklärung aufs süßeste grinsend an ihrer Seite in dem Familienzimmer, wo er sogleich wieder die Ehre hatte zu bemerken, daß er eigentlich eingeladen worden sei, bei seinem Freunde, dem Grafen Buchwald den Abend zu verleben, aber nicht widerstehen könne hier zu bleiben, wo er sich so gern festhalten lasse. Ich habe so viele Einladungen, rief er auf einige eingehende Worte der Geheimräthin, indem er nachdenklich die Augen nach oben richtete, so viele Einladungen, der Kopf schwindelt mir. Mein Gott! theilen kann man sich doch nicht; es ist doch nicht möglich, an sechs Orten zugleich zu sein. Ich möchte es gern; möchte wahrhaftig herzlich gern alle meine Freunde befriedigen, aber es geht doch nicht an. Es soll keine Beleidigung, keine Zurücksetzung sein, es geht aber durchaus nicht an.