Ich halte sie eben für Gerüchte, sagte Stephani im leichten Tone, bei denen es mir ganz gleichgültig ist, ob sie wahr oder falsch sind, denn so viel ist gewiß, daß das liebenswürdige Fräulein jetzt vollkommen von jeder Neigung geheilt ist. Sie spricht von der ganzen Familie mit der allertiefsten Verachtung.

Hier wurde das Gespräch der beiden jungen Männer von dem Executionsdirektor unterbrochen, der seinem Versprechen gemäß erschien und nach Darlegung des Schuldinstruments und des gerichtlichen Befehls sich bereit erklärte, sofort die Beschlagnahme zu veranstalten, sobald Alfred unbefriedigt seinen Schuldner verlasse. Es wurde Abrede dafür genommen und Stephani empfahl sich mit dem Diener des Gesetzes, nachdem er Alfred gebeten, am Abend mit ihm zu speisen und ihn mit seinem Gegenbesuch zu erfreuen.

Nach einigen Stunden ließ sich Alfred zu der Wohnung des Fabrikanten Herzer fahren. Er war in einer tief mißmuthigen, gereizten Stimmung. Was er von dem Assessor gehört hatte, war ihm im höchsten Grade verletzend und erfüllte ihn mit Unruhe und Zorn. Daß ein gemeiner, roher Mensch Elise von Wilkau’s Ruf in solcher Weise anzutasten vermochte, wie es der Sohn dieses alten Betrügers gethan, erbitterte ihn um so mehr, je länger er darüber nachdachte. Nicht der leiseste Hauch eines Fleckens darf auf Elisen haften, murmelte er vor sich, aber was kann sie dafür, wenn solche Elenden ihren Weg durchkreuzen. Welcher Abgrund von Schlechtigkeit aller Art muß bei diesen Menschen aufgespeichert sein. Der Vater macht verläumderische Pasquille auf seinen Freund, der ihn vom Verderben retten will, der Sohn bringt die Tochter in’s Gerede. Ich will mit dieser Rotte ein schnelles Ende machen. Stephani hat Recht, keine Maske darf mich täuschen, keine Heuchelei erweichen. Man muß einen kalten, unantastbaren Standpunkt einnehmen, und keinen Glauben haben, um keinen verlieren zu können.

Der Wagen hielt vor einem großen Hause, entfernt von dem fashionablen Theile der Stadt, aber in einer lebhaften Geschäftsgegend. Ein großer Hofraum war mit weitläuftigen Gebäuden besetzt, aus denen ein hoher Dampfschornstein aufragte. Einige Holzvorräthe lagen unter einer Bedachung, in einem lichten Saale mit hohen Fenstern sah Alfred eine Anzahl Arbeiter hämmern und klopfen. Es schien kein geringes Geschäft hier noch immer in voller Thätigkeit zu sein, und seinem geübten Blick entging es nicht, daß wenigstens kein äußeres Zeichen der Zerrüttung irgendwo zu erkennen sei. Auf einem großen Messingschilde in Mitte der Hauptthür des Erdgeschosses las er den Namen: „Comptoir von Franz Herzer,“ und widerstrebend ergriff er den Drücker und trat hinein.

Ein Doppelpult war am Fenster aufgestellt, darüber lehnte ein Mann schreibend und beschäftigt, der nicht aufsah als er zuerst den Schritt des Fremden hörte, dann aber den Blick flüchtig auf ihn richtete und mit wohlklingender, starker Stimme sagte: Einen Augenblick, ich stehe sogleich zu Dienst.

Alfred blieb in der Mitte des Zimmers stehen und betrachtete den Herrn. Er war groß und ausnehmend kräftig gebaut. Seine Schultern breit und etwas hoch, sein Kopf von gewaltigen Dimensionen, der Nacken stierartig breit und sein Gesicht keineswegs einnehmend, sondern röthlich von Farbe, mit breiter, kurzer Nase und einem dichten, röthlichen Bart, der zu beiden Seiten breit herunter und unter dem Kinn zusammenlief.

Aber dieser Mann war jung, und ein höhnisches Lächeln zuckte um den stolzen Mund Alfred von Gravensteins, als er daran dachte, daß dies der junge Herzer sein könnte.

Er blieb nicht lange in Zweifel darüber. Der Herr am Pult legte die Feder fort und trat ihm entgegen. Sein Gesicht erhellte sich zu einem Lächeln und dies wie der belebte Ausdruck seiner Züge bewirkten eine vortheilhafte Veränderung.

Ich wünsche eine Unterredung mit Herrn Herzer, sagte Alfred.

Das heißt, wie ich vermuthe, mit meinem Vater, erwiderte der junge Mann, indem er einen scharf musternden Blick über Alfred fliegen ließ.