Dennoch erinnere ich mich Ihrer recht gut, antwortete das junge Mädchen, die ihre Augen klar und fest auf den Fremden richtete. Ich weiß, daß Sie uns einst besuchten und freundliche Worte zu mir sprachen, als ich nach Ihrem Wunsche einige Clavierübungen spielte.

Ja wohl! ja wohl! wiederholte der Fabrikant, und ich sagte Ihnen damals, Clara ist ein Talent, sie wird einmal etwas Besseres leisten. Das ist richtig eingetroffen, sie hat wirklich so viel gelernt, daß sie zum Besten unglücklicher Menschen schon einige Male öffentlich sich hören ließ.

Ich habe davon vernommen, murmelte Alfred halblaut vor sich hin, indem er sich vor dem Fräulein verbeugte.

Wissen Sie auch, Herr von Gravenstein, fuhr Clara lächelnd und ermuthigt fort, daß ich noch ein Andenken an Sie bewahre.

In Wahrheit nein, versetzte Alfred.

Sie brachten einst einen bösen Hund mit als Sie zu uns kamen, der mein zahmes Täubchen biß und tödtete. Am nächsten Tage sandten Sie mir ein Pärchen, und dies ist noch am Leben und in meinem Besitz.

Alfred verbeugte sich abermals stumm, indem er die Tochter des Fabrikanten mit einer gewissen Scheu betrachtete und seine Blicke wieder abwandte, als fürchte er sich, in die dunklen großen Augen eines so reizenden Geschöpfes zu sehen. Es war nichts an ihr was dem Bilde entsprach, welches er sich entworfen hatte. Er hatte sich eine Art Amazone vorgestellt, groß, stark, mit kecken Blicken und herausforderndem Wesen; ein emanzipirtes Weib, wie der Geheimrath sie geschildert, eine Cigarre im Munde und ein Glas in der Hand; hier aber fand er, plötzlich enttäuscht, ein liebliches Mädchen, ein Gesicht mit feinen klaren Zügen, ein Augenpaar, dessen Blick ihn wunderbar bewegte, und diese ganze interessante Erscheinung von einem Hauche der Schwermuth und der Stille umflossen, der sie noch anziehender und edler machte.

Dennoch aber unterdrückte er seine ersten Empfindungen auf der Stelle. Er erinnerte sich, was er dem Geheimrath versprochen und mit seinem Worte bekräftigt hatte; zu gleicher Zeit aber rief die warnende Stimme wieder in sein Ohr: Auch damit wollen sie Dich betrügen. Hat dies Mädchen nicht an den öffentlichen Aufzügen Theil genommen; hat sie ihr gerühmtes Talent nicht dazu benutzt, um verbrecherischen Zwecken zu dienen? — Dieser alte schlaue Betrüger sinnt darauf, irgend ein Mittel zu finden, um mich zu erweichen, aber es soll ihm nichts helfen, ich will nicht! Was sie auch sagen mögen, ich will nicht!

Mit diesem Vorsatze folgte er in das große Wohnzimmer des Fabrikanten, das an das Comptoir stieß und nahm den angebotenen Platz auf dem Sopha ein, während Herzer sich zu ihm setzte und seine Tochter, seinem Winke nachkommend, sich entfernte.

Herr von Gravenstein, sagte der Fabrikant, ich wiederhole Ihnen zuvörderst, daß es mir ganz unmöglich ist, das Kapital von 5000 Thalern auf der Stelle zurückzuzahlen.