Das werde ich wohl nicht, erwiderte Alfred trocken. Ich selbst bin kein besonderer Verehrer der Eisbahn, für Damen halte ich sie völlig ungeeignet und werde meinen Widerwillen schwerlich aufgeben. Mag es aufgebracht haben, wer Lust hat, ich nenne es Unsitte.

Der Geheimrath legte ihm lachend die Hände auf die Schulter. Es ist wirklich gerade so, als ob ich Fräulein Clara höre, sagte er. Die fand es auch unschicklich, und wenn nicht unsittlich, doch gänzlich unpaßlich in Weiberröcken etwas beginnen zu wollen, was nicht dazu gehört. — Sie werden sich bekehren, Alfred. Es ist Mode und die Mode thut Alles. Sie ist die Beherrscherin der Welt; wer sich ihr nicht fügt wird vorzeitig zu den Todten geworfen. — Das wäre aber doch übel, wenn ein Bräutigam, ein junger Mann seiner Braut ein ernsthaftes Gesicht machen und sich nicht fügen wollte, wenn sie eine allerliebste Modethorheit begeht, die ganz fashionable ist. — Also mein lieber Alfred, nehmen Sie Ihren Hut und lachen Sie, wie es sich gebührt, denn ich höre die Damen kommen.

So war es wirklich. Frau von Wilkau und ihre Tochter in prächtigen Zobelpelzen erschienen wenige Augenblicke darauf, und Alfred vergaß seinen Anflug von Unmuth, als Elise ihm gewinnende Blicke zuschickte. An seinem Arme ging sie die große Treppe hinab, die Eltern folgten; in dem Augenblick aber, wo sie den Hausflur erreichten, öffnete der Portier die Thür und herein trat eine Dame, die ihnen entgegen kam, mit einem leisen Neigen erröthend vorüberging und an dem Korridor stehen blieb, welcher zu Herrn Zippelmanns Wohnung führte, wo sie die Klingel zog.

Alle hatten sie erkannt, aber Niemand sagte ein Wort. Es war Clara Herzer, die Tochter des Fabrikanten. Der schwarze Seidenmantel hüllte sie fest ein, von dem schwarzen Sammethute fiel eine Feder herab, der Schleier war zurückgeschlagen, das ernste und zarte Gesicht sah so leidend aus, als trüge es einen schweren Kummer. Ihre großen Augen thaten sich dunkel auf und ein Lächeln, welches dem matten Sonnenscheine glich, der über eine liebliche gewitterhafte Landschaft läuft, hatte etwas unaussprechlich Reizendes.

An der Thür machte Elise eine gleichgültige Bemerkung, aber sie begleitete diese mit lautem Gelächter nach der schwarzen stillen Gestalt, die noch immer unbeweglich im dämmernden Grunde stand. Sie sah zu Alfred auf und wollte etwas sagen, verschwieg es aber wieder und nahm seinen Arm an, indem sie auf einen andern Gegenstand überging.

Bald waren sie im lebhaften Gewühl der spazierenden feinen Welt. Man flüsterte, man fragte, man erzählte sich um sie her von ihr. Es fanden sich Bekannte und Freunde. Endlich war die Eisbahn erreicht, und eine Stunde lang schwebte Elise unter lebhafter Theilnahme der Zuschauer, die ihre Gläser auf sie richteten, auf und nieder. Alfred sah verdüstert und geärgert zu; er wußte, wie ungeübt er war. Dafür fand sich der Assessor Stephani ein, der ein vollendeter Meister der Kunst, durch seine Leistungen allgemeine Bewunderung erregte, und an dessen Hand und Begleitung Elise den Ruhm theilte.

Der Geheimrath hatte seinen Wagen bestellt, in dessen behaglichem Raume endlich die Familie zurück fuhr. Alfred hatte keine Zeit mißlaunt zu sein. Seine Abneigung gegen die Eisbahn war nun zum Schweigen gebracht, der lächelnden, entzückten Braut gegenüber. Er fand gerechtfertigt was Wilkau darüber gesagt hatte, fand es nöthig, daß ein Bräutigam gefällig sein und billig überhaupt, daß man nicht Anderer Freuden störe, sondern im Beisammenleben sich schicke. Er war daher heiter und stimmte den Versicherungen der Geheimräthin bei, daß nicht eine Dame von Allen sich mit Elise messen könnte, die Kunststücke des Assessor Stephani aber wahrhaft erstaunenswürdig seien.

Nun, wenn sie für weiter nichts gut sind, sagte der Geheimrath, so haben sie uns doch jedenfalls frischen Appetit verschafft. Es wird uns, wie ich denke, erstaunungswürdig schmecken, darum so schnell als möglich an den Tisch. Ich komme sogleich nach, keine Minute sollt Ihr auf mich warten.

Er blieb bei diesen Worten stehen, um mit seinem Kutscher zu sprechen. Die Anderen stiegen die Treppe hinauf. Dann kehrte Herr von Wilkau zurück, horchte einen Augenblick auf das Zufallen der großen Glasthür an seiner Wohnung und wandte sich plötzlich, um bei Herrn Zippelmann zu klingeln.

Nach kurzer Zeit schob der würdige Rentier in eigener Person die Riegel zurück, nickte grinsend mit dem langen Kopfe, den er zur Thürspalte heraussteckte, und faßte dann schweigend die Hand des Geheimraths, den er in sein Zimmer führte.