Komm mit Licht, Guste, rief er mit gedämpfter Stimme. Die Thür that sich auf, Lampenschein fiel herein, aber mit einem Schrei prallte die Frau zurück; sie sah in ein mit Blutstreifen überzogenes, todtblasses Gesicht.
Schweig still! rief Anton seiner Frau zu, indem er den leblosen Körper von der Schulter in seine Arme gleiten ließ. Nicht einen Laut gieb von Dir und stülpe den Deckel auf die Lampe, damit sie draußen den Lichtschein nicht sehen.
Ist er denn ganz todt? fragte sie erschrocken. Wo ist er hergekommen und warum hast Du ihn hier hereingeschleppt? Was sollen wir jetzt mit ihm anfangen? Und wenn es herauskommt, brocken sie Dir eine Suppe ein. Am Ende ist es ein Räuber, ein Spitzbube, ein Mörder, ein Bösewicht, der Schandthaten begangen hat. Ach, mein Gott! wie läuft das Blut von ihm. Nur nicht auf’s Bett, leg’ ihn hierher auf die Decke, wir wollen das alte Lederkissen unterschieben. Ich wollte, Du hättest Deine Füße verstaucht, ehe Du die Treppen heraufgekommen wärst. Aber so bist Du; in Alles mußt Du Dich mischen, überall Deine Nase haben, nur nicht da, wo Du sie haben sollst.
Geduldig und ohne ein Wort zu erwiedern ließ Anton seine Frau weiter keifen. Er mochte wohl fühlen, daß sie nicht so ganz Unrecht hatte, dennoch aber wußte er gewiß, daß ihr Mitleid endlich über ihre Besorgniß und ihren Aerger siegen würde.
Er lief ja alleweil grades Weges in den Keller und in meine Arme hinein, sagte er aufathmend, als er den Leblosen auf die Decke und auf das Lederkissen gelegt hatte. Es war eine Schickung, Guste, daß ich eben die Thür aufmachen mußte, wie er jählings um die Ecke sprang, und eher wollt’ ich meinen Hals zuschnüren lassen, ehe ich den Konstablern etwa zugerufen hätte: hier ist er, da habt Ihr ihn! Pfui Teufel! das wirst Du doch nicht von mir erwarten.
So, antwortete Frau Mertens, das soll ich erwarten? aber was sollen wir denn nun anfangen? Und wenn er todt ist oder wenn es ein Mörder ist?
Bring’ Wasser her, rief der Schuhmacher entschlossen. Hier liegt er nun einmal, und annehmen müssen wir uns seiner, was da auch kommen mag. Ein Räuber oder Mörder wird er nicht sein, sieh doch her, was er für feine Hände hat. Ein schmales, schlankes Bürschchen ist es, wohl guter Leute Kind, das durch einen Zufall Streit bekommen mit den Himmel-Sakermentern, sich nicht mißhandeln lassen wollte und das sie dann unmenschlich behandelt haben. Man weiß ja, wie sie es machen. Bring’ Wasser her, Frau, so rasch Du kannst. Ich glaube, er lebt, eben zuckte er mit den Armen. Gieb den Schwamm da und setze die Lampe auf den Schemel. Jetzt halt ihm den Kopf in die Höhe, oder wart’, ich will es thun.
Er kniete an der Seite nieder und hob den Kopf des Liegenden empor. Dieser hielt in der einen Hand krampfhaft den Hut fest, den er getragen hatte, und machte damit eine plötzliche heftige Bewegung, indem er zugleich einen tiefen Seufzer ausstieß. —
Es mag ihm wohl wehe thun, dem armen Schelm, murmelte Anton, und doch bin ich so vorsichtig, wie ich sein kann. Er schob seinen Finger behutsam unter das blutgetränkte Haar, unterstützte mit der anderen Hand den Rücken und suchte den Körper ein wenig aufzurichten und auf die Seite zu wenden.
Aber schon nach einigen Augenblicken hielt er erstaunt inne. Ein Knoten oder eine Flechte schien sich aufzulösen und eine Fülle langen, dunklen Haars fiel auf das Lederkissen herunter. Alle Wetter! rief Anton halblaut, was ist das? Es ist ein Weib oder ein Mädchen, so wahr ich lebe.