Jacuve Ciciola.

Ausser den eben erwähnten hat Jacuve Ciciola keine besonders luxuriösen Gewohnheiten. Ein Paar alte Schuhe, keine Strümpfe, blaue, zerrissene türkische Pumphosen, ein Hemd und ein langer brauner Mantel, der an den Lenden durch einen Strick zusammengefasst ist, bilden seine Bekleidung; auf dem kraushaarigen, dicken Kopfe trägt er eine rothe morlakische Mütze, und in einem Loche, das er in die linke Brustseite des Mantels eigens gerissen, steckt ein kurzer Tschibuk. Er schläft, wo er kann, er isst, was man ihm schenkt, und trinkt Wasser, wann und wo er es findet.

Mit dem Wasser hapert's manchesmal im Sommer; denn Spalato, die Vater- und Residenzstadt Jacuve Ciciola's, besass wohl vor dreizehnhundert Jahren eine prachtvolle aus Quadern gebaute Wasserleitung, welche das frische Quellwasser eine Stunde weit aus Salona nach Spalato führte, aber diese liegt heutzutage in Trümmern. Heute hat man in Spalato nur Regenwasser aus Cisternen; versiegt dieses aber im Hochsommer, was beinahe jedes Jahr der Fall ist, dann müssen die Spalatiner wieder zu dem frischen Quellwasser in Salona greifen, nur läuft dasselbe heute nicht mehr von selbst nach Spalato, sondern es wird in Fässern dahin getragen – auf Eseln.

Man kann nicht sagen, dass Spalato von der Natur stiefmütterlich behandelt sei. Im Sommer hat man dort zu essen und im Winter – wenn es regnet – zu trinken. Unangenehm bleibt es aber, dass, je nach der Jahreszeit, die gleichzeitige Befriedigung beider Bedürfnisse mit Schwierigkeiten verbunden ist, wenigstens für die arme Classe, und Jacuve Ciciola gehört nicht zu den Reichen.

Nur drei Stunden von Spalato entfernt liegt der District Poglizza, noch unter der Herrschaft der Venezianer ein reiches blühendes Stück Landes, das feines Obst und Tabak in solcher Menge und solcher Güte erzeugte, dass die Poglizzaner ein berittenes Corps von dreihundert Reitern auf eigene Kosten ausrüsten und erhalten konnten, wenn die erlauchte Republik Krieg führte. Und die erlauchte Republik führte ziemlich oft Krieg. Heute dürfen die Poglizzaner keinen Tabak mehr bauen, darum können sie auch keinen verkaufen und darum sind sie auch mit ihrer Obstcultur, mit Respect zu sagen, auf den Hund gekommen. Weil aber in den Ritzen und Schluchten des glühenden gelben Gesteins, aus welchem der Boden der Poglizza besteht, wohl Tabak und Obst, aber kein Getreide gedeiht, so haben sie in der Poglizza überhaupt nichts oder beinahe nichts zu essen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht aus Maisbrod und wildwachsenden Kräutern, die sie mit etwas Essig geniessbar machen. War das vergangene Jahr ein schlechtes – und das Jahr kommt, Gott sei's geklagt, oft vor – so mischen sie das Mehl mit gestampfter Baumrinde und backen Brod daraus. Gegen Ende des Winters, wenn das Mehl alle geworden und nur mehr die Baumrinde übrig geblieben, dann ziehen sie einzeln und zu Haufen nach Spalato und betteln. Gelbe pergamentartige Gesichter, schlotternde Gestalten, in Fetzen gehüllt, auf dem Kopfe ein rothes Käppchen und an den Füssen Sandalen aus ungegärbtem Leder, den Bettelstab in der Hand, so schwanken sie in der Winterkälte durch Spalatos Strassen und strecken die zitternden Hände aus mit dem stereotypen »bog vam da« – »Gott vergelt's!«

Viel besser ist eben Jacuve Ciciola auch nicht d'ran, aber er erspart wenigstens den weiten Weg von der Poglizza bis nach Spalato. Und dann bat er auch seine gewissen und regelmässigen Einkünfte, die ihn immerhin vor allzu grossem Elende bewahren. Da stehen zum Beispiel hinter dem Platze, der den volltönenden Titel »Herrenplatz« – Piazza Signori – führt, gewisse alte, halbzerfallene Häuser. In Spalato ist eben Alles alt und die meisten Häuser zeigen eine bedenkliche Neigung, ihr ehrwürdiges Alter durch eine gewisse Hinfälligkeit zu manifestiren. Um eine bestimmte Stunde werden da aus bestimmten Fenstern die Ueberreste der Mahlzeit, die allerdings gewöhnlichen Menschen nicht mehr recht geniessbar erscheinen wollen, einfach auf die Strasse geworfen. Das weiss der Jacuve Ciciola und findet sich regelmässig ein, um das in Empfang zu nehmen, was er als eine ihm mit Recht gebührende Abgabe betrachtet. Hunde, die ihm die Beute streitig machen wollen, verjagt er. Auch kennen ihn dieselben schon und sehen nur aus gehöriger Entfernung mit lüsternen Augen zu, wie der Jacuve Ciciola speist. Offenbar thun sie es in der Erwartung, dass er doch vielleicht etwas übrig lassen könnte, aber diese Erwartung wird oft getäuscht, denn Jacuve Ciciola hat die Kinnbacken eines Esels und das weisse funkelnde Gebiss eines Raubthieres. Den Appetit hat er von beiden. Und so muss ein Bein schon sehr hart sein, wenn Jacuve Ciciola es nicht sollte zermalmen können. Zudem ist Jacuve Ciciola von riesiger Stärke und wäre im Stande, den Hund ohneweiters zu zerreissen, der es wagen würde, mit ihm anzubinden. Das wissen die Hunde.

Das Bedürfniss, Kaffee zu trinken, hat Jacuve Ciciola ebenfalls nicht, und ich bezweifle, dass er überhaupt je diesen Trank verkostet, hingegen ist er ein grosser Freund des Tabaks und weiss sich ihn auch billig zu verschaffen. Wenn er gespeist hat, sind auch so ziemlich alle anderen Leute mit dem Mittagmahle fertig und vor dem auf der Piazza Signori befindlichen Kaffeehause Troccoli sitzen die Officiere der Garnison, die in Spalato ihren Standort hat. Dorthin schleicht Jacuve Ciciola und glotzt so lange die Officiere an, bis sie ihm ein paar Finger voll Tabak oder ein Stückchen Cigarre gereicht. Dann zieht er den kurzen Tschibuk, der wie ein toll gewordener Orden auf seiner linken Brust prangt, aus dem Loche, in dem er gesteckt, und fängt an zu rauchen. Wohin er jetzt geht? Natürlich zum Meere, und zwar gerade an jenen Punkt des Quais, der zum Landungsplatze der anlegenden Dampfer bestimmt ist. Dort sitzt er stundenlang, mit den Füssen über die Quaimauer hinabbaumelnd und mit den Wellen sprechend, die unter ihm an das Gestein klatschen. Ist der Tabak zu Ende, so zieht er aus irgend einer verborgenen Tasche seines braunen Mantels einige Zwiebel hervor und saugt daran, bis der Abend gekommen – darum heisst er eben Ciciola. Ueberkommt ihn dann der Schlaf, so zieht er sich aus der grossartigen Einsamkeit seines Observatoriums zurück und geht zu Bette.

Zu Bette. – Längs des Hafens von Spalato zieht sich eine schöne, breite Strasse, die gegen Westen durch die Gebäude des Zollamtes und der Finanzdirection, im Osten durch einen Complex neu erbauter Häuser begrenzt wird, in deren Rücken der Monte Margliano sich im Meere spiegelt. Diese Häuser, welche der Arkaden wegen, mit denen sie versehen sind, den Namen »procuratie nuove« führen, beherbergen unter Andern ein Gasthaus, dessen Küche sich im Souterrain befindet. Auf dem Boden der Vorhalle ist ein horizontales Eisengitter angebracht, durch welches die heissen Dünste der Küche hinausströmen. Dieses Gitter ist Jacuve Ciciola's Winterbett. Dort schläft er. Trotz seiner sonstigen Gutmüthigkeit gibt er es aber nicht zu, dass einer der armen, vor Kälte zitternden Morlaken, die des Bettelns wegen aus der Poglizza nach Spalato gekommen, sein Lager theile. Es würden deren zu Viele kommen und dann hätte er selbst nicht mehr Platz. Darum verjagt er sie, sobald sie sich blicken lassen.

Im Sommer, da ist es anders und weit besser für Jacuve Ciciola und die bettelnden Morlaken aus der Poglizza. Vor Allem hungern von den Letzteren nicht mehr so Viele. Denn zu Ende des Winters oder im Frühjahre, wenn sie absolut nichts mehr zu essen haben und in Spalato auch nichts mehr erbetteln können, da hält gewöhnlich der Hungertyphus seinen glorreichen Einzug in den District Poglizza, und wer den einmal gehabt, der hungert selten mehr. Dann wächst auch in den Schluchten und Klüften allerhand Kraut, das sie als Speise benützen, und schliesslich finden sie doch eine oder die andere Arbeit, so dass die Uebriggebliebenen dem Hunger und der Baumrinde des nächsten Winters mit ruhigerem Gemüthe entgegensehen können.

Jacuve Ciciola ist dann in seinem Element. Mit dem Sommer kommt allerhand Obst und Gemüse auf den Markt und er waltet dann seines selbstgewählten Amtes als eine Art Aasgeier. Angefaulte Rüben, weggeworfene Melonenschalen und dergleichen Dinge bilden dann eine angenehme und nahrhafte Zukost zu dem Futter, das man ihm aus dem Fenster zuschüttet. Er schläft nicht mehr auf dem Gitter der Wirthshausküche, von wo mit der wohlthuenden Wärme ihm auch der sättigende Geruch der Speisen zuströmte – jetzt gehört Spalato ihm, und keinen Winkel des alten Kaiserpalastes gibt es, wo er nicht, wenn es ihm beliebt, sein Nachtquartier aufschlagen könnte. Die Siesta aber, die hält er jetzt täglich versunken in dem Anblick – seiner Liebe. Ja. Da wäre ich glücklich bei dem zarten Gegenstand angekommen, den ich gleich Anfangs erwähnt, und bin bereit, mein Wort zu lösen.