Als der alte Kaiser und Christenverfolger Diocletian sich den prachtvollen marmorstrotzenden Palast erbaute, in dessen Mauern hinein später die Häuser der Stadt Spalato genistet wurden, da liess er es sich wohl kaum träumen, dass gerade die ihm so verhasste Secte der Christen durch ihren Religionscultus den prachtvollen Jupitertempel erhalten werde, der das Atrium seines Palastes schmückte. Während allenthalben die Prachtbauten der alten römischen Kaiser nur in mehr oder weniger gut erhaltenen Bruchstücken noch Zeugniss geben von dem Kunstsinne ihres Erbauers, steht heute noch der Jupitertempel Diocletian's in seiner vollen ehrfurchtgebietenden Schönheit, er heisst heute die Domkirche, und das Atrium ist zur »piazza del duomo« geworden.

Seit fünfzehn Jahrhunderten ragen die mächtigen Säulen aus egyptischem Granit und tragen den weissmarmornen Sims und die schön gewölbte Kuppel, die seinerzeit auf Diocletian herabgesehen, als er dem »Vater der Götter und Menschen« sein Opfer darbrachte. Seit fünfzehn Jahrhunderten prangen noch immer unversehrt die in weissem Marmor ausgeführten Jagdscenen, die, als Fries um die Kuppel laufend, die keusche Göttin zeigen, wie sie mit der Lanze in der Hand und von dem Trosse der leichtgeschürzten Gespielinnen gefolgt, hinter dem erschreckten Wilde einherstürmt. Und am Fusse der breiten Treppe, die von dem Atrium zum Tempel führt, liegt heute noch auf steinernem Sockel wie vor fünfzehn Jahrhunderten die mächtige aus egyptischem Granit gehauene Sphinx, den schönen Leib in prächtigen Formen hingegossen, mit dem schönen Frauenantlitz und den geheimnissvoll starrenden Augen. Was im Laufe der fünfzehn Jahrhunderte an ihr vorübergeglitten, das scheint in diesem stummen Antlitz und in den unergründlichen Augen verborgen zu ruhen, bis sie es vielleicht einmal später kommenden Geschlechtern erzählt. Für jetzt aber spricht sie nicht und ihre Hände – schöne menschliche Hände – ruhen fest gekreuzt unter dem strebenden Busen. Vielleicht erzählt sie dann einmal, nach abermals fünfzehnhundert Jahren, auch von dem Elende, das sie gesehen, und von den schlotternden bettelnden Morlaken, die Brod aus Baumrinde assen!

Ob Jacuve Ciciola sich wohl etwas Aehnliches denken mag, wenn er auf dem gegenüberliegenden Sockel sich in den Schatten legt, den Leib gestreckt wie die Sphinx und die Augen fest auf das schöne zweitausendjährige Bild gerichtet? Das ist sein Geheimniss. Das aber ist sicher, dass er stundenlang auf den Quadern liegen kann, um die Sphinx anzustarren, während er an seiner Scalogna saugt, und dass manchmal etwas wie Rührung aus seinen Glotzaugen blitzt, wenn er sie anblickt – denn die Sphinx ist Jacuve Ciciola's Liebe.


Wandelnde Kreuze.

Seitdem es den österreichischen Nachbarn der schwarzen Berge eingefallen war im trauten Vereine mit den Montenegrinern einen kleinen Feldzug gegen Oesterreich zu eröffnen, in dessen Verlaufe gleichwohl mehr Nasen abgeschnitten wurden als in sämmtlich anderen vom Beginne des dreissigjährigen Krieges bis jetzt gelieferten Schlachten, hat man sich daran gewöhnt Dalmatien als ein Land zu betrachten, das ein Fremder, ohne für seine Nase das Aergste befürchten zu müssen, nicht leicht betreten könne. Morlake, Dalmatiner und Nasenabschneider, das sind für die Meisten ganz homogene Begriffe geworden, und wenn es je einmal Mode gewesen wäre, Vergnügungsreisen nach Dalmatien zu machen: nach dem Aufstande in der Bocca di Cattaro hätte gewiss Niemand mehr daran gedacht, aus einem anderen Grunde als der zwingenden Nothwendigkeit wegen dorthin zu reisen.

Zum Glücke für Dalmatiner und Dalmatinerinnen sind derlei Vorstellungen nicht nur im Allgemeinen grundfalsch, sondern auch in puncto Geographie vollkommen unrichtig, denn man vergisst gewöhnlich darauf Bedacht zu nehmen, dass Dalmatien zwar ein sehr schmales, aber auch sehr langgedehntes Stück Landes ist, und dass es von der Bocca di Cattaro bis zur Landeshauptstadt Zara ebenso weit oder mit Berücksichtigung der mangelhaften Communications-Mittel noch weiter sei, als beispielsweise von Triest nach Wien. Darum wird der Fremde, der zum ersten Male Dalmatiens Küsten im nördlichen oder mittleren Theile desselben, vielleicht bei Spalato betritt, erstaunt sein, einen ganz anderen Schlag von Menschen und andere Sitten zu finden, als seine von dem Anhören nasenabschneiderischer Geschichten erhitzte Phantasie ihm vorgespiegelt hat, – des Ausserordentlichen und von den Sitten anderer Völker Abweichenden findet er immerhin zur Genüge.