Als seinerzeit venezianische Bürger um des Erwerbes willen in das damals rein slavische Land Dalmatien übersiedelten oder von der Republik als Beamte dorthin gesendet wurden, da entsprach es ganz der Regierungspolitik dieses gleich einer zusammenbröckelnden Ruine aus dem Mittelalter in die Neuzeit hineinragenden Staates, die eigenen Angehörigen als Feudalherren über die Einwohner der durch Krieg und Schacher erworbenen Provinzen zu setzen. Gewohnt, zu Hause unter dem stetigen aber schweren Drucke zu seufzen, den eine ausschliesslich in den Händen weniger bevorzugter Patricierfamilien ruhende Regierung auf sie ausübte, fanden es diese Leute um desto angenehmer, wenn sie plötzlich in die Lage kamen nun ihrerseits die kleinen Tyrannen zu spielen; sie traten mit desto mehr Genuss, je lebhafter sie sich an die erhaltenen Tritte noch erinnerten. Die Verhältnisse, die sie in dem arg vernachlässigten Lande vorfanden, waren auch ganz darnach angethan ihre kleinlichen Herrschergelüste eher anzufachen, als denselben hemmend entgegenzutreten.

Um das Land in aussichtsloser Abhängigkeit zu erhalten, hatte die erlauchte Republik nicht nur den materiellen Wohlstand desselben unterdrückt, die Wälder systematisch ausgerodet, die Anlegung von Strassen geradezu verhindert und die Schiffahrt möglichst erschwert, sondern sich auch bemüht die Bevölkerung auf der tiefsten Stufe der Rohheit und Unwissenheit zu erhalten. Letzteres war eben so leicht als mit geringen Kosten verbunden: man errichtete eben nirgends Schulen. Wollte einmal ein Dalmatiner ausnahmsweise seinem Sohne eine bessere Erziehung angedeihen lassen, so war er genöthigt, ihn nach Venedig oder Padua zu senden, – nicht genug, selbst dort unterschied man zwischen Dalmatiner und anderen Studenten und hütete sich wohl, den Ersteren zu viele Kenntnisse beizubringen. Das mag barok und übertrieben klingen, ist aber nichtsdestoweniger wörtlich wahr.

Noch vor dreissig Jahren lebten in Spalato zwei »Dalmatiner Advocaten.« Was ein »Dalmatiner Advocat« ist? Ich will es erklären. Die erlauchte Republik gestattete es den Dalmatinern, an der Universität Padua ohne vorhergängige Studien eine Prüfung abzulegen, welche denselben das Recht, den Doctortitel zu führen und die Advocatie auszuüben verlieh. Wohlgemerkt! nicht in Venedig oder einer der venetianischen Städte, sondern nur in Dalmatien durften dieselben Advocaten sein. Die für diese Prüfung zu erlegende Taxe bestand in einer kleinen Geldsumme und dreissig Schinken. Natürlich war die Prüfung Nebensache, die Geldsumme aber und die dreissig Schinken Hauptsache, daher sich der Gebrauch ergeben konnte, dass Einzelne mehrmals und immer unter anderen Namen ihr Doctorexamen in Padua ablegen konnten. Einer der beiden oben erwähnten »Dalmatiner Advocaten«, dessen Sohn heute noch in einer Stadt Dalmatiens die Advocatur ausübt, machte diese Prüfung fünf Mal immer mit der Börse in der einen und den dreissig Schinken in der andern Hand, und vier Personen ausser ihm, die sich nie aus ihrer Geburtsstadt entfernt hatten, erhielten auf Grund dieser Prüfungen, des Geldes und der hundertzwanzig Schinken die Erlaubniss, als Sachverwalter vor den Schranken dalmatinischer Gerichte aufzutreten.

Bäuerin aus Macarsca.

Italien und speciell die »erlauchte« Republik Venedig befanden sich, als letztere in dem Trubel der politischen Ereignisse ihr wohlverdientes Ende erreichte, mitten in der schönsten Blüthe der Zopfzeit und die Cultur der Zopfzeit war es, welche von den venetianischen Ansiedlern nach Dalmatien getragen wurde. Die Südslaven waren damals und sind auch heute noch lange nicht bei der Zopfzeit angelangt und so ergab sich aus dem Gemische der beiden Nationalitäten eine merkwürdige Verquickung der Sitten und der Cultur, die bis zum heutigen Tage besteht und voraussichtlich noch durch lange Jahre ihren Einfluss zeigen wird. Slavischer Aberglaube und romanische Ueberschwenglichkeit, italienische Selbstüberhebung und der südslavische Charakterzug, sich dem Unvermeidlichen mit stummer Ergebenheit zu beugen, reichten sich da die Hände. Darum wird ein Italiener, der heute die Küstenstädte Nord- und Mitteldalmatiens besucht, vorwiegend slavische Städte zu finden glauben, während ein Slave, wenn er aufrichtig sein will, in Zara, Sebenico, Spalato, Macarsca und Almissa italienische Sitten und Gebräuche ebenso bestimmt finden, als in dem breitgedehnten Dialecte ihrer Bewohner die venetianische Volkssprache wiedererkennen wird.

Eine Eigenschaft haben beide Nationalitäten mit einander gemein: die Sucht zu glänzen. Der Italiener, dem die tausendjährige Cultur seiner Voreltern in den Gliedern steckt, thut es, indem er sich womöglich einen Orden verschafft, ihn so viel als thunlich heraushängt und sich vor aller Welt als »Cavaliere« ansprechen lässt, – der Slave, und zwar besonders der Südslave, indem er in seiner Nationaltracht die schreiensten Farben nebeneinander zur Schau trägt, die ihm zugänglich sind. Darum findet man auch kaum in einem Lande eine solch' ausgesprochene Sucht bei jeder sich ergebenden Gelegenheit den möglichsten, meistens sehr abgeschmackten und verschossenen Prunk zu entwickeln, der sich bis zum fratzenhaften steigert, wenn der Anlass dazu ein religiöser war.