In dem östlichen Theile des diocletianischen Kaiserpalastes, in dessen Ruinen hinein die Stadt Spalato gebaut ist, bildeten die vielfach sich kreuzenden von mächtigen Mauern eingefassten Gänge einen kleinen Platz, der in das östliche Thor des Palastes mündete. Unmittelbar neben dem heute noch bestehenden Thore, da, wo seinerzeit vermuthlich ein Wach- oder Vertheidigungsthurm gestanden haben mag, befindet sich eine kleine schwerfällig und offenbar in gar keinem Style gebaute Kirche, welche »alla buona morte« (zum guten Tod) heisst. Die einfache, ja ärmliche Ausschmückung der Kirche von Innen entspricht der mehr als ungekünstelten Aussenseite und hauptsächlich sind es nur ganz arme Leute, die in derselben dem Gottesdienste beiwohnen.

Sonntags und Donnerstags wird in derselben die Schulmesse für das Obergymnasium abgehalten und wenn die Schüler in der Kirche vollzählig versammelt sind, schliesst der Pedell ohne Weiteres die Thüre mit einem mächtigen Riegel. An der Längenseite der Kirche ist von Aussen eine kleine Marmortafel in der Mauer eingefügt, welche die Umrisse eines stark verwischten Todtenkopfes zeigt, den die meisten Vorübergehenden in Erfüllung eines mir völlig unbekannten religiösen Bedürfnisses mit der Hand betasten. Ob sich die Leute unter dem marmornen Todtenkopf etwas Heiliges vorstellen, habe ich niemals ergründen können. Dort in der Kirche »alla buona morte« beginnt das unheimliche Schattenspiel, das alljährlich am Charfreitage durch die Gassen und Plätze der Stadt Spalato seinen mystischen Gaukel treibt.

Die vierzigtägigen Fasten werden in ganz Dalmatien und vorzüglich in Spalato mit absonderlicher Strenge gehalten. Bischöfliche Dispensen, wie sie in andern nördlicher gelegenen Ländern eine regelmässige Ausnahme bilden, kommen dort nicht vor. Die Kirche gebietet Fasten und es wird einfach gefastet. Einer deutschen Hausfrau würden allerdings die Haare und womöglich auch der Chignon zu Berge stehen, wenn sie einmal in die Lage käme durch vierzig Tage dreimal wöchentlich mit den wenigen Dingen ein Mittagmahl herstellen zu müssen, die durch das Fastengebot nicht verpönt sind. Mittwochs, Freitags und Samstags darf nicht nur kein Fleisch gegessen werden, sondern Butter, Schmalz, Milch und Eier sind ebenfalls verpönt. Die Leute kochen Fische und bereiten alles mit Oel, so dass ich, als ich einmal gezwungenermassen eine derartige Fastenzeit in Spalato durchgemacht hatte, am Ende derselben das Gefühl hatte, als brauchte ich nur ein Endchen Baumwolldocht in den Mund zu nehmen und anzuzünden, um ein Paar Tage lang einer Oellampe gleich zu brennen. Die Domkirche bietet während dieser Zeit zweimal wöchentlich den jungen Leuten beiderlei Geschlechts die erwünschte Gelegenheit sich ziemlich ungestört sehen und sprechen zu können, – sind doch die Fastpredigten, die immer Abends in der zweifelhaften Dämmerung der hohen Kirche abgehalten werden, so sehr als gewöhnliches Stelldichein bekannt, dass man einmal den Schülern der höheren Classen des Gymnasiums es verbieten musste dieselben zu besuchen. Aus demselben Grunde heisst dort auch die vierzigtägige Fasten im Volksmunde, »il carnevaletto delle donne« – der kleine Frauenfasching. Wenn aber diese Zeit zu Ende geht und die Charwoche herannaht, dann beginnt ein eigenthümliches Drängen und Werben unter der Classe der Handwerker und Bauern, dessen Gegenstand der Pfarrer ist, – der Pfarrer der Kirche »alla buona morte.«

Des Abends kann man da dunkle Gestalten verstohlen und heimlich in das Haus schlüpfen sehen, das der Herr Pfarrer bewohnt. Dann kann man aus dessen Zimmer zuerst die leise wispernden Stimmen eines Zwiegespräches hören, das allmälig in ein Brüllen ausartet, denn ein rechter Dalmatiner kann nicht sprechen – nur schreien. Die dunkle Gestalt bittet um etwas, der Pfarrer will es verweigern, – wiederholtes inständiges Bitten – zögerndes Nachgeben des Pfarrers – endlich sind sie handelseinig, – leise und geräuschlos wie sie gekommen, aber offenbar zufriedener und mit leichterem elastischen Tritt verschwindet die dunkle Gestalt, sorgfältig ihr Gesicht vor einer anderen verbergend, die vielleicht vor der Thüre in derselben Angelegenheit harrt.

Des folgendes Tages marschiren, – nicht zusammen, sondern jeder für sich, blos von seinem Treiber begleitet, – verschiedene Esel vor der Wohnung des Herrn Pfarrers auf und verschiedene variciaki[24] mit Weizen werden abgeladen. Das Getreide gehört aber nicht dem Herrn Pfarrer, sondern der Kirche »alla buona morte.« Auch von der besseren Gesellschaft kann man eines Abends einen, aber nur einen! Herrn zum Pfarrer schleichen sehen, der dann mit verlegenem Gesichte und fromm verdrehten Augen eine kurze Botschaft dem Pfarrer mitzutheilen hat und wieder fortschleicht. Und nicht nur der Pfarrer, sondern auch der Küster von der Kirche »alla buona morte« beginnen ein absonderlich wichtiges und verschwiegenes Gesicht zur Schau zu tragen und mancher arme Teufel, der vor Jahren auch zur Dämmerstunde hinaufgeschlichen ist in die Wohnung des Pfarrers, sieht die Beiden an und fühlt ein Schauern über den Rücken laufen wie ein abgestrafter Russe beim Anblick der Knute.

Charfreitag ist herangekommen und ein Gefühl festlicher Trauer hat sich der Bewohner Spalatos bemächtigt. Allenthalben werden schwarze Tücher, manchmal nach Umständen auch nur schwarze Fetzen hervorgesucht, welche bestimmt sind des Abends zu den Fenstern des Hauses herausgehängt zu werden, vor welchen die Procession vorüberziehen wird. Oellämpchen werden geputzt, schwarze Kleider aus den Schränken geholt, die Weiber putzen sich mit Schleiern und schwarzen Bändern, die Männer ziehen himmelschreiende Fracks an's Tageslicht und wer sich weder an der Procession zu betheiligen gedenkt, noch so glücklich ist ein Haus zu bewohnen, an welchem die Procession vorüber ziehen muss, der trachtet bei Bekannten ein Plätzchen an einem Fenster zu erlangen. Denn Spalato ist stolz auf seine Charfreitags-Procession, und »nur in Rom sieht man etwas Aehnliches« versichert jeder Spalatiner mit vaterländischem Stolze.

Es schlägt sieben Uhr, – früher darf die Procession nicht beginnen, denn die Tageshelle würde ihr einen guten Theil des Schauerlichen benehmen, das ihren grössten Reiz ausmacht. Vor allen Fenstern hängen die schwarzen Lappen, über allen Lappen brennen dämmerige Oellämpchen und hinter allen dämmerigen Oellämpchen stehen dichtgedrängte schwarzgekleidete Gestalten. Aus den weitgeöffneten Pforten der uralten Domkirche, – des alten Jupitertempels, – an der egyptischen Sphinx vorüber, die mit ihren blinden granitenen Augen herausstarrt auf das ungewohnte Getreibe, über die breiten Stufen herab bewegt sich der Zug. Voran die Waisenkinder, die man hier wie überall als eine Merkwürdigkeit zu betrachten scheint, die als abschreckendes Beispiel bei keinem öffentlichen Aufzuge fehlen darf, – dann die Männer und Weiber des Versorgungshauses, die in ihrem krüppelhaften Siechthum an und für sich abschreckend genug sind, – dann eine Schaar zehn- und zwölfjähriger Bursche, die Eleven des bischöflichen Seminars, welche als Priester maskirt mit ihren schwarzen Talaren, weissen Chorhemden, lilafarbenen Kragen und ebensolchen dreieckigen Baretten Diminutiv-Cardinälen ähnlich sehen, – dann die verschiedenen Leichenvereine und Betbruderschaften in langen, blauen und weissen Kitteln, – alles mit Fackeln in den Händen. Dann kommen die »Herren«, dann Handwerker im Sonntagsstaate, Bewohner der Vorstädte im National-Costüme, Alle mit riesigen Wachskerzen in den Händen und neben jeder Wachskerze ein zerlumpter, barfüssiger Bursche, der in der hohlen Hand die herabfallenden Wachstropfen auffängt, – hinter den Männern die Frauen und Mädchen in schwarzen Kleidern, das Gesicht mit schwarzen Schleiern verhüllt. Und dann? Ja, – jetzt kommt das, worauf die Spalatiner stolz sind.

Ein lebendes Kreuz kommt, – ein zweites, – ein drittes, – ein viertes, fünftes, sechstes. Ein Mann schreitet einher, in einem langen schwarzen Kittel gehüllt. Den Kopf und das Gesicht verdeckt eine schwarze Kapuze, in der zwei kleine Oeffnungen für die Augen gelassen sind. Die Füsse sind nackt und wenn die Erscheinung zwischen dem Beschauer und einer Wachskerze durchgeht, so kann man durch den dünnen schwarzen Stoff hindurch auch die nackten Glieder des Mannes sehen. In dem einen Aermel hinein, hinter dem Rücken vorbei und bei dem andern Aermel heraus, steckt ein tüchtiger Stock, so dass der Unglückliche einem lebenden Kreuze gleich mit wagrecht ausgestreckten Armen gehen muss. Und die Procession dauert länger als eine Stunde! Und so wie er, so sind seine Kameraden nackt in ihren schwarzen Kittel mit ausgestreckten Armen und alle bestreben sich den schwankenden Gang eines zum Tode Erschöpften nachzuahmen und torkeln rechts und links, die Kreuz und die Quer, bis ihre Erschöpfung keine gekünstelte mehr ist und sie zuletzt wirklich zusammen zu sinken drohen. – – –