Das sind die dunkeln Gestalten, die zum Pfarrer der Kirche »alla buona morte« hineinschlüpften, um mit ihm zu verhandeln und gegen Erlag einiger variciaki Weizen die Erlaubniss zu bekommen, am Charfreitage als »Kreuz« die Procession zu begleiten. Hinter diesen tänzelnden und schwankenden Jammergestalten folgt aber noch eine Andere. Schwarz vom Kopf bis zu den nackten Füssen, tief gebeugt unter der Last eines grossen hölzernen Kreuzes, das, um sein Gewicht zu erhöhen, hohl und mit Sand ausgefüllt ist, schwankt eine Gestalt vor dem nachfolgenden Thronhimmel einher. Das Gesicht ist verhüllt, – Niemand kennt ihn, als der Pfarrer der Kirche »alla buona morte« und sein Küster. Sechs stämmige Bauern mit Windlichtern begleiten ihn und sehen mit peinlicher Aufmerksamkeit darauf, dass das untere Ende des Kreuzes, das er über der linken Schulter trägt, den Boden nicht berühre. Geschieht es dennoch, so gilt es nicht! Was? Die Busse! Denn der geheimnissvolle Mann, der das grosse, über einen Centner schwere Kreuz trägt, ist der grösste Sünder, der dem Dompfarrer im Laufe des letzten Jahres gelegentlich des Beichthörens vorgekommen.
In Spalato erzählt man allgemein, der Conte C. habe vor einigen Jahren das grosse Kreuz getragen!
Hippolytos und Phaedra.
Nördlich von Spalato und von demselben eine gute Stunde entfernt, dehnt sich ein mächtiger natürlicher Hafen, der beste, grösste und schönste im ganzen adriatischen Meere. Gegen Südwesten begrenzt ihn die Insel Solta, auf allen anderen Seiten umsäumt ihn das Festland von Dalmatien mit den bizarren Formen seiner Küste, und wenn der Südwind seine Wellen kräuselnd aufdämmt, so hängen wohl klare Tropfen von Meerwasser an den dunkeln Olivenbäumen und den traubenbedeckten Reben, die sich bis unmittelbar an die Grenze der kühlen Fluth hinabziehen. Die auf den glühenden Kalkfelsen schütter gelagerte Erde, die prächtige Seeluft, der tiefblaue Himmel und die strahlende Sonne erzeugen in ihrem Zusammenwirken eben keine schlechten Producte auf diesem gottgesegneten Stückchen Erde. Der feurigste Wein, die süssesten Feigen, das beste Oel, weite Felder voll prächtiger Melonen, das schönste Gemüse in Hülle und Fülle – das sind die Erzeugnisse des reizenden Geländes, das, von den schroffaufstarrenden nackten Bergen des Mossor gegen die Bora geschützt, in ruhigathmender Schönheit zu den Füssen des Beschauers ruht. Es ist dies die Bucht und das Gestade der »Sette Castelli«, so genannt von sieben alterthümlichen Burgen, die früher längs der Küste zu deren Vertheidigung erbaut waren und jetzt eben so viele Mittelpuncte von freundlichen Dörfern bilden. Und wie um in die Schönheit der Landschaft keinen Misston zu bringen, bilden auch die Bewohner dieser Sette Castelli den schönsten Menschenschlag, der in Dalmatien zu finden. Ernstdreinschauende, hohe und kräftige Männer, dunkeläugige Frauen mit Madonnengesichtern und schweren braunen Zöpfen hegen und pflegen dort den dankbaren Boden.
Dass die Menschen in den Sette Castelli so auffallend schön gerathen, das hängt freilich weniger von dem reichen Erträgnisse ihrer Felder und Gärten ab, sondern von einem anderen Umstande: die Race ist dort gekreuzt. Als nämlich im ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die Franzosen Dalmatien besetzten, hielt es der Marschall Marmont für nothwendig eine das ganze Land durchziehende Strasse zu bauen, welche es möglich machte zwischen dem Süden und Norden Dalmatiens Verbindungen zu unterhalten, ohne zur See von feindlichen Kreuzern belästigt zu werden. Die Strasse wurde ausgeführt, besteht heute noch und heisst noch immer im Volksmunde »Strada Marmont«. Ueberhaupt möge hier die Bemerkung ihren Platz finden, dass die Franzosen in der kurzen Zeit, während welcher das »illirische Königreich« bestand, für Dalmatien beinahe mehr thaten, als Oesterreich bis vor wenigen Jahren zu thun unterliess. Das Resultat dieser Gleichung zu suchen, sei Anderen überlassen. Erzählt man doch in Dalmatien hierüber eine bezeichnende Aeusserung des Kaisers Franz, der in den zwanziger Jahren das Land bereiste.
»Wer hat dieses Gebäude erbaut?« fragte der Kaiser.
»Die Franzosen, Majestät«, hiess es.