Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das will ich klar und bündig erzählen.

Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die ganze Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs eindrangen, mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht vermocht hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes vor der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«![42] Die Thüre öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach abendländischer Weise zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts gebeugte Gestalt, von deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel in malerischen Falten bis zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis zum Scheitel rasirten Kopfe sass der Fez, der rückwärts eine Fülle blonden Haares herausgleiten liess; dunkle, von scharfgezeichneten Augenbrauen beschattete Augen, ein kleiner Schnurrbart in dem offenbar nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen Gesichte, eine reich mit Gold gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen und ein langes Messer in dem buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider und die nackten Füsse in gelbledernen Pantoffeln – das war mein Hauswirth und Freund Mahmud Firdus Beg.

Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.

Mein Aufenthalt in Sign hatte mir die Gelegenheit verschafft, Mahmud Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen türkischen Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen. Nun war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur von Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der alte Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn er hinterliess seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um mit seinem Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können als irgend ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg suchte aus seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als nur immer möglich; er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen Wäldern, Getreide von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend einen pfiffigen Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that, ihn zu übervortheilen; er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in Roth und Gold gekleideten, bis an die Zähne bewaffneten Dienern, einen prächtigen Marstall, – hatte aber nur eine Frau in seinem Harem, denn Mahmud Firdus Beg war ein aufgeklärter Türke, oder wollte wenigstens für einen solchen gelten; darum richtete er sich nach dem Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto mehr Aufklärung« – und machte jährlich eine Reise – mindestens bis Triest. Einmal war er sogar in Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, aber dort gefiel es ihm nicht.

Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie Sign, dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze gelegenen Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben nicht wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg mein Freund geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich jedesmal zu besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von Spalato Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf.

Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu besuchen, oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und das erwähnte Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich allerdings nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben; selbst das Haus, in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht betreten, dafür aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine Dienerschaft errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte, auch seine Wälder.

Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an.

Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, hatten über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren, noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes Felsengeklüfte einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch der Nacht in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen, rasteten in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen Kaffee und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer Nacht von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen Mahmud ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam liegenden Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der Octobernacht und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich kaum noch auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken, gestickte Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht hatte, wo der Pfeffer wächst.