Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem Geruche nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns über eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen kreisrundes Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten Oellampe und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender graubärtiger Türke, – wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer Gendarm, – und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund um die roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender Bretterboden, der mit grossen Teppichen bedeckt war – der Dienerschaft Lagerstätte – und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster dienten als Kopfkissen.

Die Diener – ich zählte deren sechsundzwanzig – nahmen mir und ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns einen Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns gesetzt hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand nahmen und rauchten, als ob sie unter sich wären.

Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und die prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte mich mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, dass es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das – Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein sehr windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um nicht unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das Unvermeidliche fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud schritt voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die gelben Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit ruhig feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein Prachtgemach meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine zweite wacklige Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer Kuppel ähnlich sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige Oeffnung gehabt hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können. So aber konnte ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten, keine Oeffnung bemerken, als die fingerbreiten Risse in den Bretern, aus denen dieses Denkmal neutürkischer Baukunst gezimmert war, und durch welche der Regen hereinfliessen sollte, der mich windelweich durchnässte. Und drum war ich ganz froh und glücklich, als mich des anderen Tages der frühe Morgengruss meines Freundes Mahmud Firdus Beg weckte.

Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde. Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch – um von den Dienern nicht verstanden zu werden – dass seine Frau ihm aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte.

Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes zu machen.

Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot – langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht bearbeitet waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere als die türkische Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen Länder zu entscheiden haben wird – prächtige Eichenwälder in ungebrochenem Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt und halbverfault auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen Leibe ganze Generationen jungen Nachwuchses hervorspriessen – ungeschlachte, elende, halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische Christen (wie ihr Anzug wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt, dort des Lebens dringendste Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur verschwenderisch ausgestreute Fülle sich ihren blöden Augen bietet – elende Lehmhütten über die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder eine ganze Familie mit ihrem Viehstande haust – über das Ganze die grauen Regenwolken eines trüben Octobertages, einförmig, schier endlos ausgespannt über die weite Ebene und durch nichts unterbrochen, als durch eine unzählbare Menge schwarzer Punkte, – Falken, die, ruhig an einer Stelle schwebend ihres Raubes harrten!

Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein Wirth auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr auf unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir nicht von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene.

Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie wir gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben geschehen ist.

Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten; die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen – Alle aber wurden mit des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es war auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun konnte, denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte es einmal durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt die Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie dann an dem seidengestickten Gewebe.

Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine holdselige und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten hatte, da wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, ging zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! Wenn in alten Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- und Querzügen, nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt war in seine Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu nehmen und sie vor irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen Gnadenbilde aufzuhängen. Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen noch Rüstzeug – aber nachdem bereits mein achtes Kind mit diesem farbenbunten Gewebe auf seinem ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, erlaube ich mir, Ihnen Mahmud Firdus Beg's Schnupftuch zu Füssen zu legen.«