Plötzlich erschollen aus der Richtung her, gegen welche die Barken sich bewegten, einzelne Rufe in slavischer Sprache, kurz und abgemessen wie ein Commando. Sie kamen vom Lande her, von dem Ufer einer kleinen Felsen-Insel, die vor uns lag und eine Bucht bildete, in welche wir, ohne es zu bemerken, eingefahren waren. Auf jeden Commandoruf hob sich etwas Langes von der Wasserfläche, um gleich darauf wieder plätschernd zurückzufallen. Es waren, wie unser Führer uns belehrte, die Seile, an welchen das Netz an's Land gezogen wurde.
»Sind denn wohl Sardellen im Netz?« fragte ich verwundert, denn ich dachte, dass das eigentliche Fischen noch nicht begonnen hätte.
»Sardellen? natürlich! – Sehen Sie nicht, wie sie davonspringen? Das sind jene, die aus dem Netz entkommen, bevor es noch vollkommen geschlossen ist – jetzt aber ist es bald beisammen und dann entkommt auch nicht eine mehr.«
Wirklich sahen wir nun einzelne helle Streifen, die silbernen Pfeilen gleich, sich aus dem Wasser hoben, um, einen Augenblick an der Oberfläche dahinschiessend, gleich wieder in demselben zu verschwinden. Es waren Sardellen, die sich flüchteten; immer aber schossen sie gerade auf das Leuchtfeuer der Barke zu. Wäre dort ein zweites Netz gewesen, so würden sie in dasselbe gerathen sein, nachdem sie der ersten Gefahr glücklich entronnen.
Jetzt zeigten sich an der Einfahrt der Bucht zwei andere Barken, die langsam auf uns zukamen. Die Fischer in den drei Barken blickten besorgt auf die neuen Ankömmlinge. Wir erfuhren, dass es sich da um etwas handle, was man im gewöhnlichen Leben eine Gewerbsstörung nennt.
Nicht jeder Platz ist zum Sardellenfang geeignet. Der Schwarm der im offenen Meere ziehenden Sardellen wird durch das weithin sichtbare Leuchtfeuer der Barke zuerst nur angelockt. Sobald die Fischer bemerkt haben, dass die Fische dem Feuer folgen, bewegen sie sich langsam der Küste zu, wo in irgend einer Bucht der sandige, allmälig verlaufende Grund gestattet, das feine Netz darüber hinzuziehen. Denn auf felsigem Boden würde das Netz hängen bleiben und zerreissen. Damit aber die Sardellen das Feuer bemerken, muss die Nacht möglichst finster sein, daher der Fang nur bei Neumond vor sich gehen kann. Ferner dürfen die Fische nicht beunruhigt werden, weil sonst der Schwarm nach allen Richtungen zerstöbe. Da man nun jeden Fleck der Küste genau kennt, an welchem ein Auswerfen der Sacknetze möglich ist, so versammeln sich, um Streitigkeiten zu verhüten, vor jedem Neumonde vom Mai bis September die aus je zwölf bis fünfzehn Mann bestehenden Partien der Fischer bei der politischen Behörde und losen um den Fischplatz für die nächsten mondlosen Nächte.
Das gilt für das Fischen mit Leuchtfeuer und Sacknetz. Andere Fischer aber, die ohne Feuer und nur mit einem senkrecht herabhängenden Streifnetze fischen, pflegen dann dem Leuchtfeuer nachzufahren, wodurch der Zug der Sardellen gehemmt, auch theilweise abgehalten wird, dem leuchtenden Magnet zu folgen. Da gibt es oft böse Worte und nicht selten auch Aergeres als Worte. Denn ein guter Zug mit dem Sacknetze kann genug Sardellen einbringen um tausend Fässchen damit zu füllen und tausend Fässchen entsprechen einem Werthe von mehr als zwölftausend Gulden, so dass der Gewinn eines einzelnen Fischers in einer einzigen Nacht fünfhundert bis tausend Gulden betragen kann. Aber Glück müssen die nächtlichen Meeresarbeiter haben und dürfen durch Streifnetze nicht gestört werden.
Alle Fischer sind fromm, während sie das Handwerk üben. Vom Strande her ertönt das Commando: »In Gottes Namen zieht die erste Leine!« oder: »In Gottes Namens zieht die zweite Leine!« Dann wieder: »Gott geb' es, – sie sind drinnen – zieht beide Leinen!«
Und dabei näherten sich die Barken immer mehr dem Ufer und immer näher kamen die unbeleuchteten Barken mit den räuberischen Streifnetzen. Plötzlich unterbrach ein kleines Intermezzo die Reihen der frommen Commandos. Die Barken mit den Streifnetzen waren in dem Dunkel auf etwa fünfzig Schritte herangekommen, als von den anderen Barken ein wahrer Hagel von Flüchen und Verwünschungen losbrach. Und um die Flüche noch kräftiger zu machen, flogen dicke Prügel von Brennholz, wohl gezielt, hinüber, so dass man sie heftig an den Bord der Fahrzeuge anschlagen hörte. Flüche und hölzerne Wurfgeschosse wurden auch drüben nicht gespart und schon wollten wir uns zurückziehen, um nicht in ein unangenehmes Kreuzfeuer von fliegenden Holzstücken zu kommen, als mit einemmale Alles still wurde. Der kritische Moment war vorüber – das Sacknetz streift den Grund – die Leinen waren völlig angezogen und die drei Barken fuhren völlig zusammen um die Beute aus der Tiefe zu heben. Die Barken mit dem Streifnetze suchten das Weite und wir legten uns mit unserem Boote hart an die Fischerbarken, die mit ihren Längsseiten ein Dreieck bildeten, an dessen einem Winkel das Leuchtfeuer hellauf flammte, die Barken und deren Bemannung mit einem Gluthscheine übergiessend.