"Ich kenne es", sagte er, "es hängt ja noch dort; deine Mutter wollte es behalten zur Erinnerung an die kleine Ines."-"O meine liebe Mutter!"

Er zog sie fester an sich; dann sagte er: "Darf ich weiter hören, Ines?"

—"Doch! Aber ich schäme mich, Rudolf." Und dann leise und zögernd fortfahrend: "Ich hatte an jenem Tage nur Augen für das Christkind; auch nachmittags, als meine Gespielinnen da waren; ich schlich mich heimlich hin und küßte das Glas vor seinem kleinen Munde—es war mir ganz, als wenn's lebendig wäre—hätte ich es nur auch wie die Mutter auf dem Bild in meine Arme nehmen können!"—Sie schwieg; ihre Stimme war bei den letzten Worten zu einem flüsternden Hauch herabgesunken.

"Und dann, Ines?" fragte er. "Aber du erzählst mir so beklommen!"

—"Nein, nein, Rudolf! Aber—in der Nacht, die darauf folgte, muß ich auch im Traume aufgestanden sein; denn am andern Morgen fanden sie mich in meinem Bette, das Bild in beiden Armen, mit meinem Kopf auf dem zerdrückten Glase eingeschlafen."

Eine Weile war es totenstill im Zimmer.—"Und jetzt?" fragte er ahnungsvoll und sah ihr tief und herzlich in die Augen. "Was hat dich heute denn von meiner Seite in die Nacht hinausgetrieben?"

"Jetzt, Rudolf?"—Er fühlte, wie ein Zittern über alle ihre Glieder lief. Plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals, und mit erstickter Stimme flüsterte sie angstvolle und verworrene Worte, deren Sinn er nicht verstehen konnte.

"Ines, Ines!" sagte er und nahm ihr schönes kummervolles Antlitz in seine beiden Hände.

—"O Rudolf! Laß mich sterben; aber verstoße nicht unser Kind!"

Er war vor ihr aufs Knie gesunken und küßte ihr die Hände. Nur die Botschaft hatte er gehört und nicht die dunkeln Worte, in denen sie ihm verkündigt wurde; von seiner Seele flogen alle Schatten fort, und hoffnungsreich zu ihr emporschauend, sprach er leise: