Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.

Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.


Zweites Kapitel.

Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, Wambold, Morstadt, Uexküll.

Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch Göthe, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht hatte. — Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der Mephisto, sit venia verbo, hatte die Gestalt des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre 1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.

Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen die Boißeréeschen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre Urheber ausgerufen haben soll: Das waren noch Dichter! Bei dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:

»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« erreichen zu können. Wolfgang erklärte aber rundweg, er wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für den envagé seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. Göthe blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«

Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist Ludwig Robert gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder Rahels, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen »Ich« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. — Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen« — Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. —