Vah! puella cadit.

Das Kobbeschef (von jeu) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. — Schlimm für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. Gloriam quam pepere majores, digne studeat servare posteritas. Ein gewisser C. schoß sich, — eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die Vorsehung die Worte ausstieß: Weiß der Teufel ich glaube es ist ein Gott!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den Worten: »So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen.« Diese unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen befreundet war. Die Namen Gulefoky und Porten sind mir in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig duckten. Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: — »Aber! meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! (Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein Normalstaat, Holberg das größte poetische ingenium der Schöpfung und nichts schwerer als paa (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger Petrus á memoria sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird. — Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. — Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That wohl daran ihre Beispiele »von edlen Handlungen illustrer Personen« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er mehr als Familien- denn Adelsstolz hervortritt, sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie hafteten Alle in solidum unter sich, war Einer schwer erkrankt, so schienen sie alle plurig, war Einer beleidigt, so schien die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei gesprochen wurde. —