Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das Begeisternde angriff. — Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich G. ihm als meinem Übernachbar, — bei meinem Lever sofort seinen Namen zu rufen. — Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern (Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, indessen kein Arg weiter daraus gehabt. — Nun begab es sich, daß nicht gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben auf seinen Arm gestützt, schlafend. — »Ei was Herr Schwarz!« hub ich an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen und tranken im Kaffeehause ihr Bier. — Mir fällt dabei ein, daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »lusus« a non lucendo. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman Schindler in Glarus. — Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines gewilligt hatte.