Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel (Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch lansquene) und vor allen Dingen das sogenannte L’hombré mit Ohren, das Pharospiel ein. — Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. —
Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.
Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer, dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des Cerevisia.
Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.
Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus gerechtfertigt. — Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges, arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen? Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.
Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover, ja in Hannover, — es ist schauderhaft es zu sagen, aber wahr, verschlickert man ihn, in Kuchen. — — — — —
Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will. Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in »Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl. m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich — wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung oder seinen Hut anstatt der Makrone, — er wird fast nie ein Märtyrer, gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. —
Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. — Selbst Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.
Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden an einer table d’hôte zum Besten gegeben. Während diese lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht — die Worte aus: »Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle seine Conditorläden.«