Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und ob ein Lehn nur durch dolus oder auch durch culpa verloren wird, hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in die Aula.
Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:
[4]Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed dicendum est coram tantis viris, quorum magna atque divina adeo doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur veniam viri doctissimi si aures vestras tam teneras in audiendis dissouis latinae linguae vocibus fatigem.
Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah, ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig: »Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen, wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre vocativi pluralis hineinschlucken müssen.«
Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung lehren:
In Heidelberg war ein Doctor juris insigni cum laude promovirt, welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte betreten der Doctor. »Aber da steht ja publice defendet in Ihren Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen vertheidigen werde.« — »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort, »fordern Sie ihr Geld zurück, »publice« heißt ja auf Kosten des Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß publice institui jussit nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der insignicum laude geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser ihn nur zum Besten gehabt habe. —
»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt, der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.
»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«
Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der Meinung aller Juristen die Phrase: