Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen, wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich die Pfannkuchen des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang nachher den Artikel omelette auf den Repertoirs der Restaurants mit der Hand bedecken mußte. — Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei dem Anblicke leider aus: »quel bruit pour une omelette.«
Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt war ich wegen körperlicher Schwäche gefahren. Es schien mir aber des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung, überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und athemlos zu Ketschau, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte. —
Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte dem Freiknechte Jonas. — Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz und Mitleid kämpften alsbald in mir. — Auf einem solchen Karren als Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen, ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich hatte ihr einen verächtlichen characterum indelebilem angehängt, das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war Jules Janins »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe, der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht den Ganzmeister im Samariterwesen als Halbmeister demüthigen, und ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein!
»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,« raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff und ausführte.
»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel keine Realität hat.«
»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister, »Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«
»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen. Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich, daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der Meinung Anderer bestehen.«
Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«
»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit, welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention abstehen, denn dann könne ja jeder Esel und Dummkopf Halbmeister werden.««
Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. — Und hier mag es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag, viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. —