Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen; als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte recommandiren. Bringt Wölnitzer — Pfui doch! Schwerstädter — nein, Lichtenhainer — warum nicht gar! — Oberweimarisches Bier wird ihm munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von allen Bieren auf den Tisch zu stellen.
Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und marschirten an meine Mundküste, um sich von mir köhren zu lassen. Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.
Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte. Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo derzeit immer Wein getrunken wurde.
Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,« belehrte mich mein Nachbar.
»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle) und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«
Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der, wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht, ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf dem Jenaer Markte auszulöschen.
Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren verklärt.
Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten, damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen, worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.
»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,« bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend, »da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«
Und der wäre?