»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans gestohlen hat.«

O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen. Allein die levis notae macula, welche A. der Heidelberger Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne. Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.« —

»Du bist gefordert,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch Obstagium genannt. Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten, wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für sie in eine Herberge einreiten, wo immer das Einlager (das auch deshalb das Einreiten heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.

Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.

Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die Ermunterungen ihres despotischen Generals.

Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe, plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.

»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)

Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier zur Versöhnung.

Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert, als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren« anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen Herren gemodelt haben. — Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle Deutsche und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«

Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und des Abendessens einen besondern Anblick. — Wenn man in die Thüre des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war, welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer vereinigte. —