Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen, denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher. Condordia res parvae erescunt — Gloria virtutis comes. — Vivat circulus fratrum Rhenanorum, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger, Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben verhüllt ihm auftischte, Rindfleisch sein sollte.
Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach Ziegenhain. — Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand sich ein Freund in der Noth. —- Sobald aber alle gehörig mit einem Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig »Thus der achte« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.
Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung zu nehmen. —
Mir fiel oft das Sprichwort dort ein — »Ein Engel löffelt mit dem Andern.«
Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da, wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion, und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind dies Loresen und Sand. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde Einflüsterungen gethan sind. — Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte. Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:
»Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«
Ein ähnlicher Character war der Sands. Die Ermordung Kotzebues war lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:
Lieber Freund, wer Dir vertraut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.