Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln sah, antwortete darauf diese ernste Worte:
»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses wollen wir wohl bedenken, — aber wollen wir dann noch Wohlgefallen haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen, berufen ist?«
Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. —
Jena, am Burschentage vom 29. März
bis 14. April 1818.
Dein deutscher Bruder Carl Sand,
G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.
Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« —
Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s, den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.
Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe, komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf, ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf der Schnellpost reiset und nur 30 l̶b an Bagage frei hat. Und was zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner Erzählung zu steigen. — Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen. Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker, einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin Hedemann einen Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder, ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese crassa minerva ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre 1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, daß ich innerhalb drei Tagen ein Bein brechen würde. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes Ausgleiten die tibia zersprengt. —
Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen. Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt, denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner villa kehre, welche vor dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht richtig ist, — — sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter Weibersommer befindet.