Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein älteres Aussehen verdankte, — und zwar dahin bewilligt, daß er behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.

J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.

Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.

»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.

M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.

»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn Beinen,« beanfragte der Fremde.

Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. — Ist es mir doch noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche Zeit der Ideale schwelgt.

Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, — zum Geständniß seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt einnimmt. —

Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. — Sobald es Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. — Aber das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.

Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.