Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie der Unschuld. Es ist die Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers.
Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben.
Der Gedanke war höchst peinigend.
Da erhob sich ein deus ex machina im Hintergrunde an der Wirthstafel.
»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir passirt.« — Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem Gedächtniß desertirt war.
Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel gestohlen.
Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein Hang zum Mysticismus aber blieb in seiner Seele und er redete oft wie ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor Gurlitt, der damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und pflegte die Mystiker Hechte zu nennen.
Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch. Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,« versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in der Religion gelangen!«
Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden. In dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene Senft war und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte. —
Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten hatte — in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und Märtyrern gemacht hat.