Ein geistreicher Hamburger war Pedro Gabe der Sohn des dortigen Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er. Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so mache ich das ganze menschliche Leben durch.«
»Ich gehe in die ABC-Straße; das ABC ist dasjenige, was die Menschen zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den Gänsemarkt, welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum Jungfernstieg.«
»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit!«
»Ich gerathe nun auf die Kunst, die mich an das Streben geistreicher Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das Zuchthaus, der Weg der Gottlosen; gerade aus der St. Petrikirchhof, der frühe Tod; rechts das Johanniskloster, für das beschauliche, ascethische Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den Berg, denke in der Reichenstraße an den Gewinn und verfolge so meinen Weg zur Börse.«
Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister, auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete Sieger entflohen.
Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren, welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen erfahren konnte.
Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten, sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. Wer kennt nicht den Namen Salomon Heine als den des Rothschild von Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz mit dem Dr. Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie einst im coin du roi im Theater francais die pariser Schöngeister rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an Güte nicht gleich kam.
Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege, wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit Resignation ausrufen: