»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.« (»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg, da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den Teufel kriegt.)« —

Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.

Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres. Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen, und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und Saint Peray. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.

Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx: »Smollis (Brüderschaft) müssen wir trinken!«

Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren, sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte, sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.

Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen, ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten. Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der, wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen, von Ihrer Familie?« — »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen, wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen wollte. — Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr, Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,« worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.

Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit zu verwandeln, welche man »Humor« nennt, und nur eine mühsame Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden, daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben, Glauben beimessen wird.

Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.

Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen. — Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt, brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt. — Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück: wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. — Anders ist es bei uns in Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.