Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei; wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der, kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren sei.

Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »God save the king« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.

Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte, aber auch einige der Komik hervorrief.

Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden. Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem Menschen getäuscht sieht. »Distinguendum.« Einige Menschen sind unsterblich und einige sind es nicht.

Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt sehr materiell gewordenen Gelehrten.


Dreizehntes Kapitel.

Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen. Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D—s und D—r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und Wegelagerung. Citation vor das Arctius.

Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen, welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte, worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen Vacanz Hunderte, — ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals« erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir, ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht einmal eine sella curulis, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen, so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten — —