Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging; dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788 hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein ich müßte doch ein niederträchtiger Kerl sein wenn ich mich in meinen Jahren noch bessern wollte.
Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,« welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen Skizzen einzuschalten.
»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665 vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein, Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird. Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel »Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt, das trauliche »Du«, das Smollis aufgehoben, und Alles bewegt sich in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter, wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) — Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf eben so viele hundert Thaler an.
»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte, antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«
Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein, wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden, warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? — Wahrlich ich sage Euch, Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.
Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen Pfaff, dem vielgeliebten Dahlmann, dem Menschen rettenden Ritter, vor allen Dingen der Statsrath Cramer zu merken, der sowohl als Jurist wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte, und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, ich glaubte, es sei meine Nase.« Mit dem Professor der deutschen Sprache, Adolph Nasser, einem süßflötenden und lispelnden Männchen aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, — hatte Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.
Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, Justizrath, der andere, ein Herr Maas, Kriegsrath.
Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten, und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben zurückkehrten.
Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen, und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen, und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus. —