Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium. Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie, dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »ochsen,« (der technischem Ausdruck der Studenten für »fleißig sein«) wollte. Allein des Morgens schadeten die Katzen dem Ochsen. Denn Slenz hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon viele mit Frühlingsahnung einfanden, — sie mit seiner Flinte zu verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »salvum conductum« denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.

Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage, und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.

Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.

»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß Sie den verdammten D—r fodern.«

»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?« versetzte mein Freund.

»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,« versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß sie in Blut abwaschen.«

»Sie wissen mein lieber Herr D—r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich schon mehrere Male das consilium unterschrieben, und möchte nicht gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.

»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet fort.

Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst überreden wollte.