Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied.«
Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten Schinkens nur zwei wunderliche Dinge — ein ganz trüber Punsch und ein Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung zu Stande gebracht habe. — Solche weise Todtengespräche werden einst in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn den scheinbar frommen Satz geschaffen: De mortuis et absentibus nil nisi bene. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu geblendet, in viele kleine — wie der gute Homer.
Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, »der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so geschah’s. — Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen mit den Worten ihm nachstreckte:
»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« —
»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht ganz täuschend reproducire. —