Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von Posa sagt:
»Er dachte klein von mir und starb.«
Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein die sollen klein von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die verité enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt werden.
Zehntes Kapitel.
Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp. Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.
Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie meine academischen Reminiscenzen haben.
Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen. Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809 erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau, (vulgo Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke, denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat, — meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet — und das Motto meiner humoristischen Blätter: »nil bonum nisi quod honestum« — ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise »königlich« bestätigen.
An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel, aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären, verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch auf die plattdeutsche Anfrage: