Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch, vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen, aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!) zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. —
Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.
Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen, ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt, so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815 oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet, daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied, während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause saß. — Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete. In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der Becker und der Gley nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters dieses epitheton, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel »Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.
Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.
Actus III. Scena I.
Thraso. Gnatho. Parmeno.
T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?
G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem.
Dono, quam abs te datum esse: id vero serio