„Allerdings“, entgegnete Hans, „aber da ich gefangen sein mußte, freute ich mich doch, daß mein neuer Kerker schöner war, als der frühere. Doch wie erschrak ich, als ich aus den Nachbarkäfigen eine ganze Reihe Augen auf mich gerichtet sah.
Dicht neben mir hockte ein großer, brauner Kerl mit gekrümmtem, starkem Schnabel. Unruhig trippelte er hin und her, spreizte seine Nackenfedern und warf mir wütende Blicke zu. Es war ein Falke, der zur Jagd abgerichtet war, und der manchem armen Turteltäubchen das Lebenslichtlein ausblies.
Zwischen den Falken und unserer Familie besteht, wie ihr wißt, ewiger Streit, und deshalb hätte er wohl auch mir am liebsten gleich ein jähes Ende bereitet. Glücklicherweise trennte uns ein festes Eisengitter. Nachdem er mich einige Minuten mit frechen, herausfordernden Blicken gemustert, zog er sich in die Ecke seines Käfigs zurück und blickte nach einer andern Seite.
Rechts von mir hauste ein großer, weißer Uhu. Hu! was hatte der zwei kecke Augen im Katzenkopf. Am Abend leuchteten sie in fahlem Grün, als habe er Lichter im Kopf mit grünen Gläsern. Auch vor ihm fürchtete ich mich anfangs nicht wenig; doch erfuhr ich bald, daß er besser sei, als sein Äußeres schien. Er war ein recht gemütlicher Bursche, der mir mit seinen köstlichen Erzählungen manches Stündlein verkürzte und mir des öftern am Morgen einen Leckerbissen in meinen Käfig warf. Des Nachts wurde er nämlich freigelassen, und wehe dann den armen Mäuslein oder Fröschen, die sich aus dem Gemäuer oder aus den Hecken um das Schloß herum hervorwagten.
Kleinere Vögel waren in den obern Käfigen untergebracht. Alle sah ich munter und fröhlich umherhüpfen und hörte sie manchmal aus voller Brust ein lustiges Liedlein singen. „Meinen Nachbarn scheint es wirklich nicht schlecht zu gehen“, dachte ich, „hoffentlich werde auch ich dann einigermaßen hier zufrieden sein können.“
So war es in der Tat. Die Freiheit ausgenommen, fehlte mir im Schlosse eigentlich nichts.“
„War das Schloß damals noch von Edelleuten bewohnt, Väterchen“, fragte Rapsi, „oder hauste der Mann, der dich gekauft hatte, allein dort oben?“
„Geduld Kleiner, Geduld! Alles will ich euch erzählen. Eins nach dem andern!
Anderntags, gleich am Morgen, erschien ein etwa zehnjährigen blonder Knabe mit seinem Lehrer am Käfig. Freudig klatschte der Kleine in die Händchen, als er meiner ansichtig wurde. Rasch griff er in die Tasche, zog ein Stücklein süßen Kuchens hervor und rief mich ganz lieb und freundlich zu sich. Seine Stimme klang so gut und sanft, daß ich mich gar nicht vor ihm fürchtete. Er nahm mich in die Hand, streichelte mich sanft und fragte seinen Lehrer, ob er mich gleich mitnehmen dürfe? Doch der Lehrer bedeutet ihm, er müsse bis Mittag warten, da der Burgwart erst meine Federn stutzen müsse, damit ich nicht fortfliegen könne. Der Kleine gab sich damit gleich zufrieden, drückte mir den Rest des Kuchens in das Gitter und sagte dann: „Auf Wiedersehen Räblein, bis heute Mittag.“ Freundlich nickte ich ihm zu, denn am ganzen Auftreten dieses Kindes hatte ich schon gemerkt, daß ich von ihm nichts zu fürchten brauche.“
„Wie hast du gesagt, Väterchen,“ fragte Rassi neugierig, „deine Federn stutzen, was war denn das?“