„Auch ich wußte es nicht, Rassi. Angstvoll fragte ich mich, was der Hauslehrer damit meinen könnte? Sollte man mir etwa die Schwungfedern ausreißen? Sollte man mir die Flügel abschneiden, damit ich als Krüppel ewig an den Boden gefesselt wäre?
Bald sollte ich es erfahren.
Gegen 10 Uhr erschien der Burgwart, ein großer, düsterer Mann. Zunächst stellte er das Essen in alle Käfige, ausgezeichnete Speisen: Fleisch, Käse und Brot, sowie einen kleinen Blechnapf mit Wasser. Meine Nachbarn begannen gleich ihr Mahl zu verzehren. Ich folgte ihrem Beispiel und tat das Gleiche. Da ich seit dem Vortage außer dem Stücklein Kuchen nichts genossen hatte, war ich sehr hungrig, und das erste Mahl im Schlosse mundete mir ganz vortrefflich. Darnach setzte ich mich auf meine Stange, um einige Stündlein Mittagsruhe zu halten.
Indes, bald wurde ich gestört. Der Burgwart erschien wieder mit einer großen Schere. Ohne ein Wort zu reden nahm er mich aus dem Käfig heraus und zog mir den rechten Flügel auseinander. Die Schere knackte, und beinahe die Hälfte aller meiner schönen Federn lag abgeschnitten am Boden. Dann kam die Reihe an den linken Flügel. Zuletzt stutzte er auch noch die Steuerfedern meines Schwanzes. Jetzt verstand ich, was man mit „Stutzen“ meinte. Nachdem der Mann mir die Flügel wieder zusammen gelegt, knackte er noch hie und da ein Spitzchen ab und setzte mich in den Käfig zurück.
Traurig sah ich die abgeschnittenen Federspitzen vor dem Käfig umherliegen und nach und nach im Winde davonflattern. Aus dem Falkenkäfig nebenan schien mir ein heimliches Kichern zu kommen, und wie ich scheu hinüberlugte, sah ich, wie sein Insasse mich unverwandten Auges mit spöttischen Blicken betrachtete. Der Uhu aber saß still auf seinem Aste und nickte in tiefem Schlafe.“
„Hat es dich geschmerzt, Väterchen?“ fragte Rapsi mitleidig.
„Nein Kinder“, antwortete Hans, „Schmerzen empfand ich zwar keine in den abgeschnittenen Federn, aber doch zürnte ich dem bösen Burgwart, denn nun wußte ich wohl, daß ich nicht mehr fortfliegen könnte, und daß ich alle diesbezüglichen Hoffnungen wenigstens vorläufig aufgeben mußte.
Von Bürden her leuchtete die Nachmittagssonne gerade in meinen Käfig herein. An der Rückwand desselben sah ich mein Schattenbild; es war viel schlanker als tagszuvor.