VII.
Als die Trompete des Burgwächters fünf Uhr verkündet hatte, erschien der kleine Burgherr und nahm mich aus dem Käfig heraus. Jubelnd eilte er mit mir in die Laube unter der schattigen Kastanie, nahe dem Eingang des Schlosses. Dort stellte er mich auf eine aus dünnen, schön geglätteten Latten gezimmerte Bank und setzte sich neben mich. Ich versuchte nicht einmal fortzufliegen, denn es war mir klar, daß bei meinen abgeschnittenen Flügeln jeglicher Fluchtversuch vergebliche Mühe wäre. Mein kleiner Herr, „Rudi“ war sein Name, hatte mir allerlei süße Leckersachen mitgebracht, die ich froh verzehrte. Das liebe Kind vermied sorgsam alles, was dem armen Raspio weh tun konnte, und so freute ich mich bei ihm und war ohne jegliche Furcht.
O wie viel schöne Stunden habe ich bei diesem Kinde zugebracht! Nie konnte ich gegen ihn die geringste Klage erheben.
Munter schritten wir nebeneinander über den Burghof, er in größeren und ich in kleinern Schritten; dann wieder setzte er mich auf seine Hand und seine Schulter und hüpfte mit mir im Kreise herum. Ein Reiter auf seinem stolzen Rößlein konnte nicht herrlicher fahren als der schwarze Raspio.“
Sichtlich erfreut hüpften einige Male die Rabenbüblein leise auf und schaukelten nachher noch einige Zeit auf ihren Ästchen langsam auf und nieder.
Unten im Walde hörte man durch das dürre Laub ein Häslein eilenden Schrittes vorüberhuschen. Einen Augenblick horchte Vater Hans auf. Dann fuhr er ruhig weiter:
„Am liebsten verweilte ich mit Rudi droben auf dem hohen, flachen Turm. Dort standen zwei Bänke um einen runden Tisch. Schön geschnittene Lorbeer- und Oleanderstöcke gaben kühlen Schatten und schützten gegen die allzu starke Sommersonne.
Von dort aus hatte man die schönste Aussicht. Den vielgezackten Burgpfad konnte man überblicken, von der Mühle aus bis zur Pforte. Im Tale floß die Sauer, in der sich die hohen grünen Berge spiegelten; im Hintergrund, gegen Südosten, am Fuß des Donatiberges, kauerte im Grün das blendend weiß getünchte Michelau. Drüben in den Hecken sah ich im alten Pfade die Leute dahinziehen, winzig klein, da sie so weit entfernt waren, muntern Schrittes die lebensfrohen Buben und schweren Fußes die gebückten Alten. Vom Turme aus lauschte ich auch manchmal den frohen Liedern, die allenthalben aus den Hecken tönten, wenn im Frühling die Lohe geschlissen wurde. Von allen Seiten ertönte dann vom frühen Morgen bis zum späten Abend lustiges Klopfen und Knacken. Und vom Tale an bis auf die höchsten Bergesspitzen legten sich nach und nach, langen weißen Knochen gleich, die entrindeten Stangen. Von dort aus sah ich auch manchmal jenes herrliche Schauspiel, das den Öslingerbergen eigen ist, wenn im September die Hecken „gesangt“ und gebrannt werden. Hei! wie knisterten dann bis in die späte Nacht hinein die Reiser!“