Mit einem heiseren Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein starker Schnabel auf den bösen Buben nieder.

„Mein Großvater war auch aus dem Ösling“, unterbrach der kleine Rapsi eilig, „davon hat er mir auch mehr als einmal erzählt. Doch, ist es wahr, Väterchen, daß man dann das Feuer immer oben anlegt, daß es nach unten brennen muß? Das versteh’ ich nicht, gewiß würde es doch besser und schneller brennen, wenn man es unten im Tale anzündete?“

„Freilich, so ist es,“ erwiderte Hans zustimmend, „auch ich konnte mir es nie erklären. Doch die Menschen haben es immer so getan, sie müssen wohl einen Zweck dabei haben.“

„Ich kenne den Zweck, ich kenne ihn,“ jubelte Rapsi. „Legte man das Feuer unten an, so würde es allzurasch brennen; die Flammen könnten auf die umliegenden Hecken und Wälder übergreifen und großen Schaden anrichten. Deshalb zündet man die Reiser oben an; das Feuer brennt nur langsam, und mit leichter Mühe bleibt man Herr desselben.“

„Ganz recht“, erwiderte Hans, „so ist es in der Tat. Zudem werden beim Brennen der Hecken noch andere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ehe man das Feuer anlegt, wird die Brandstätte genau begrenzt; auf Meterbreite wird die abgeholzte Fläche ringsum von allem dürren Laub und Reisig sorgfältig gesäubert. Auch wird das Feuer wohl bewacht; ein entstehendes Schadenfeuer würde allsogleich bemerkt und gelöscht werden.

Vom Turme aus sah ich aber auch den alten Eichbaum, wo einst vor langen Jahren unser Nest gestanden. Sehnsüchtig schaute ich oft hinüber, ob ich nicht die Eltern sehen könnte oder die Brüderlein, aber alles Spähen blieb umsonst. Hätte ich reden können, Rudi hätte gewiß auf meine Bitten hin den Burgwart hinübergeschickt, sich nach unserm Neste zu erkundigen; aber meine flehentlichen Blicke verstand er nicht. So mußte ich denn traurig hinübersehen, und da ich keine Spur der Meinigen entdeckte, konnte ich nichts anders denken, als böse Räuber hätten auch die Brüderlein fortgenommen, und die Eltern seien dann todestraurig hinweggezogen in fremde Länder zu bessern Menschen.“

„Das war aber langweilig“, unterbrach nun wieder Rassi, „immer an derselben Stelle droben auf dem Turm zu sitzen und immer nur dasselbe zu sehen Tag für Tag.“

„Ich hatte geglaubt, du seiest eingeschlafen, Rassi,“ entgegnete Väterchen Hans, „daß du so lange still sein konntest. Doch wenn du glaubst, auf der Burg sei es langweilig gewesen, dann irrst du dich. Im Gegenteil, es gab dort viele Abwechslung. Freudige Stunden erlebte ich mit Rudi, freudige Stunden, besonders wenn fremde Spielleute und Musikanten zur Burg kamen. Abends saß dann die ganze Schloßfamilie mit diesen gern gesehenen Gästen auf dem Turme; Rudi hielt darauf, daß auch ich dabei sein durfte, und dann lauschten wir bis tief in die Nacht hinein den wunderschönen Erzählungen, Liedern und Melodien dieser fahrenden Sänger. Manchmal wurden uns dabei die Augen naß, denn so oft erzählten jene Leute von Ritterskindern, die ihren Eltern aus der heimatlichen Burg weggeraubt wurden, und die dann in der Fremde ein trauriges Leben führten. Aber schließlich brachte sie doch ein glückliches Geschick endlich wieder heim zu den vor Freude überglücklichen Eltern.

In jenen Stunden, glaubt mir es Kinder, wurde auch das Herz des armen Raspio dick, er dachte zurück an seine Eltern, und der glimmende Hoffnungsfunke, sie noch einmal wiederzufinden, leuchtete in ihm wieder zur hellen Flamme auf.

Freilich auch traurige Tage gab es auf der Burg; denn mögen auch noch so feste Türme und Ringmauern eine Menschenwohnung umschließen, gegen das Leid sind sie dadurch nicht geschützt; früh oder spät wird es auch dort seinen Einzug halten und den Freudenhimmel, der vielleicht jahrelang über dem Hause war, mit dunkeln, schweren Wolken überziehen.