Im September war es, als das Laub der Lohhecken schon rot und gelb zu werden anfing, als Nachmittags lange weiße Spinnfäden sich schlängelnd zwischen den Bergen dahinzogen, da saßen Rudi und ich wieder zusammen auf dem Turme. Schon seit einigen Tagen schien der Kleine äußerst niedergeschlagen. Zwar war er gegen mich ganz lieb und gut, aber er redete so wenig. Manchmal blickte er wie geistesabwesend in die Berge hinein, stützte das Köpfchen in die Hand und weinte bitterlich. Etwas Besonderes mußte sein gutes Herzchen drücken; den Gegenstand seiner Trauer indes konnte ich nicht erraten. Da stand er plötzlich auf, nahm mich auf die Hand und sagte traurig: „Räblein, Mütterchen ist krank, sehr krank.“ Bittere Tränen rollten über seine Wangen. Schweigend trug er mich zu meinem Käfig zurück und eilte still über den Hof in die Ritterwohnung. In den nächsten Tagen sah ich das liebe Kind nicht wieder. Eine traurige Stille lag über der ganzen Burg. Leise nur redeten die Bedienten miteinander. Fremde Männer – es seien gelehrte Ärzte, sagte man, – sah ich kommen. Als einer von ihnen wieder fortging, sah ich Rudis Vater ihn bis zum Schloßtor begleiten, wo die beiden noch einige Zeit ganz leise miteinander redeten. Als sich der fremde Mann verabschiedet hatte, ging der Schloßherr einsam und traurig im Hofe auf und ab, und als er an unserm Käfig vorüberschritt, merkte ich, wie aus seinen Augen heiße Tränen stürzten.
Anderntags, da sich die Abendschatten leise über die Gegend zu legen begannen, läutete das Glöcklein der kleinen Schloßkapelle Rudi’s liebem Mütterlein das Totenlied. Leise schwebten des Glöckleins Töne traurig hinab ins Tal. Die armen Leute der ganzen Gegend horchten erschrocken auf, und in des Glöckleins Trauerklang mischte sich ihr Wehklagen, denn die Verstorbene war ihnen stets eine wohltätige, gute Mutter gewesen.
Scharenweise kamen sie anderntags von allen Seiten herbei, um noch einmal jene mildtätigen Hände zu sehen, die ihnen so viel Gutes gespendet hatten.“
„Oh! der arme kleine Rudi,“ klagte Rassi traurig. „Und hast du auch das Begräbnis gesehen, Väterchen Hans?“
„Gewiß Kinder, großartig waren die Leichenfeierlichkeiten für die dahingeschiedene Edelfrau. Die adeligen Familien fast des ganzen Landes waren erschienen, ihr das letzte Geleite zu geben. Tagszuvor waren die Bewohner der näher gelegenen Schlösser mit ihrem Gefolge angekommen: Die Herren von Esch an der Sauer, Wiltz, Schüttburg und Clerf; Vertreter der weiter entfernten Burgen konnten erst am Begräbnistage selbst erscheinen, da einzelne zwei Tagereisen zu machen hatten. Frühmorgens kamen die Herren von Hollenfels, Simmern und Ansemburg; die Herren von Befort hatten sich durch einen Eilboten entschuldigen und herrliche Blumen am Sarge niederlegen lassen.
Nahe der Schloßmauer am stillsten Orte des Burggartens, fand die Verstorbene vorläufig ihre letzte Ruhestätte.