Lange Zeit dauerte es, bis wieder frohes Leben in die Burg zurückkehrte; ja ich kann sagen, daß es nie wiederkehrte wie früher. Einige Tage später kam zwar Rudi und nahm mich wieder mit auf den Turm, aber nach immer war er so traurig. Die schwarzen Kleider, die er vom Tode der Mutter an während zweier voller Jahre trug, schienen auch den Sonnenschein seines Herzens überdüstert zu haben.

In der letzten Zeit schien überhaupt die Freude von der Burg verschwinden zu wollen. Noch zu Lebzeiten von Rudi’s Mutter hatten schon manchmal besorgte Stunden daselbst geherrscht. Schon seit längerer Zeit waren die Sänger, die früher so häufig zur Burg kamen, ausgeblieben. Statt ihrer aber waren Boten gekommen, fern her aus Frankreich, und sie hatten düstere Nachrichten von dort mitgebracht. Sie hatten erzählt, wie blutgierige Menschen die Herrschaft an sich gebracht hätten; König Ludwig und seine Gemahlin seien auf dem Schafott hingerichtet worden; die adeligen Familien würden verfolgt und viele von ihnen verließen das Land.

Immer zahlreicher wurden diese Unglücksboten; schon erschienen Flüchtlinge, die einige Wochen blieben und dann weiterzogen nach den Schlössern an Untermosel und Rhein. Tief erschüttert hatte ich einmal gehört, wie ein fremder Mann herzzerreißend redete über das Schicksal des kleinen Ludwig von Frankreich. Tieferzürnt hatte er erzählt von jenem grausamen Mann, dem Schuster, dem man das arme Kind übergeben, nachdem man ihm Vater und Mutter getötet, und der dann seine Wildheit an dem armen Knaben ausließ.

Der kleine Rudi aber hatte seine Fäustchen geballt. „Wenn ich da gewesen wäre,“ hatte er gesagt, „ich hätte dem kleinen Ludwig geholfen, wir wären an den bösen Mann gegangen und hätten ihn zu zwei wohl bemeistert.“ Seine Mutter aber hatte Rudi an sich gezogen, hatte einen Kuß auf seine Wange gedrückt und schluchzend gesagt: „Armes Kind, wenn nicht auch du noch leiden mußt von bösen Menschen.“

Einige Zeit waren solche Unglücksnachrichten wieder verstummt. Lange schon war kein fremder Bote und kein Flüchtling mehr auf dem Schloß erschienen. Alles schien wieder seinen gewöhnlichen Lauf anzunehmen.

In diese Zeit nun fiel ein Ereignis, das mich lebhaft ergriff, und das sich mir tief in das Herz eingrub. Die Verurteilung und Hinrichtung der beiden jugendlichen Verbrecher Franz und Jakob Heintzen.“

„Sind es die, welche gehängt worden sind?“ fragte Rassi, „davon hat mir mein Großvater schon öfters erzählt, er war auch dabei gewesen.“

„Ja, sie sind am Galgen gestorben,“ antwortete Väterchen Hans, „das ist eine gar traurige Geschichte. Doch da ihr sie ja kennt, kann ich darüber hinweggehen.“

„Nein, Väterchen, nein. Wir haben sie noch nie gehört“, baten die Übrigen und auch Rassi nickte: „Ja, Väterchen, erzähl’ sie noch einmal; mein Großvater hat zwar davon gesprochen, aber solche Erzählungen könnte ich jeden Tag hören, ich würde nicht müde werden, sag’ Vater, waren die beiden schon alt, und wie kam es, daß sie so böse Verbrecher wurden, die so arg gestraft werden mußten?“

„Anfangs der Zwanziger waren sie,“ sprach Hans, „und es kam, wie es in solchen Fällen gewöhnlich kommt: „Im Kleinen fängt es an, im Großen hört es auf.“ Ich erfuhr alles genau, als die Richter im Schlosse waren, droben in der Laube, wo ich mit Rudi zugegen war, als sie alles genau besprachen. Schon in ihrer Kindheit waren die beiden sehr unfolgsame und unbändige Buben. Von niemanden ließen sie sich etwas sagen; über alle Ermahnungen der Vorgesetzten setzten sie sich leichtfertig hinweg. Ihre Eltern störten sie nicht, sondern nahmen sie noch in Schutz. Kam jemand, der sich über neue Streiche ihrer ausgelassenen Kinder beklagte, so sagten sie einfach, ihre Kinder seien nicht schlimmer wie die andern; man solle sie nur ruhig lassen, wenn sie einmal größer geworden, würden sie schon machen, wie es recht wäre.