„Im Kleinen fängt es an!“ Ja, Kinder, in den alten Sprichwörtern steckt Erfahrung und Wahrheit. Mit Kleinigkeiten fingen die Heintzenknaben an zu stehlen; zuerst heimlich Obst und Früchte in den Gärten und Feldern; manches davon trugen sie auch heim; die Eltern nahmen es an und lobten die kleinen Diebe ihrer Klugheit und Geschicklichkeit wegen.
Da sie größer wurden, gewöhnten sie sich an Müßiggang und Trinken. In der Dorfschenke waren sie fleißige Besucher. Die Dorfbewohner wunderten sich zwar, daß ihnen so viel Geld zur Verfügung stehe, daß aber dieses Geld von den Diebstählen herrühre, die sich in den letzten Monaten in der Umgegend immer mehr häuften, ahnten sie nicht. Eines Tages, frühmorgens, als es eben erst im Osten zu dämmern begann, schlichen aus den Lohhecken zwei verkleidete, geschwärzte Burschen, die eilig hinter der Scheune des Heintzenhauses verschwanden. In jener Nacht war der Burgförster von zwei Wilderern überfallen und übel mißhandelt worden. Da man aber nicht bestimmt nachweisen konnte, daß die jungen Heintzen wirklich die Täter waren, mußten sie freigesprochen werden. In der Umgegend gingen von Tag zu Tag schlimmere Gerüchte über die Beiden um.
Immer mehr gerieten sie auf die Bahn des Bösen.
Eines Abends waren sie wieder angetrunken nach Hause gekommen; die Eltern hatten ihnen Vorstellungen gemacht, waren aber von den beiden verrohten Burschen schwer mißhandelt worden; eine volle Woche hatte der Vater das Bett hüten müssen. Endlich gingen den Eltern die Augen auf; sie ernteten die Früchte einer verfehlten Kindererziehung. Es grauste ihnen vor den schlimmen Dingen, die sie herannahen sahen. Nun wollten sie ihre Kinder wieder zu braven und fleißigen Menschen machen, durch gute Worte wollten sie dieselben von ihren bösen Wegen zurückführen, aber es war zu spät.
Faulenzerei, Diebstahl und Alkohol waren derart ihre vertrauten Freunde geworden, daß sie sich nicht mehr zur Umkehr und Änderung ihres Lebens bewegen ließen.“
„Väterchen Hans, nicht wahr,“ unterbrach Rassi, „da hätte gepaßt, was dir der Knecht damals so töricht gesagt, als er dich in die Schule nahm: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.““
„Ja, du hast Recht, Rassi,“ entgegnete Hans. „„Jung gewohnt, alt getan,“ sagt das Sprichwort, und wenn die Kinder schon frühzeitig schlimme Wege gehen, sind sie später schwer davon abzubringen. „Die Katze läßt das Mausen nicht.“
So kam denn die schwarze Nacht des 17. Mai, von der die ganze Gegend noch lange Jahre erzählte. Spät am Abend vom Felde heimkehrende Landleute hatten zwei vermummte Männer begegnet, die aus dem Dorf kamen und in der Richtung nach Brandenburg und Landscheid weitergingen. Scheu waren die beiden am Wegesrand vorübergegangen und hatten den Abendgruß nicht erwidert. Der Nickelsbauer, welcher an jenem Abend im Heintzenhaus vorgesprochen, um ihre beiden Söhne für den folgenden Tag zur Heuernte anzuwerben, hatte sie nicht zu Hause gefunden; ihre Mutter aber hatte ihm die schüchterne Antwort gegeben, sie seien für einige Tage weiter hinauf ins Ösling, nach Munshausen, zu ihren dortigen Verwandten auf Besuch.
In jener Nacht war der Pächter der Bleesmühle unterhalb Gralingen ermordet und beraubt worden. Vor wenigen Tagen hatte er auf dem Jahrmarkt in Ettelbrück eine schwere Koppel Ochsen zu einem außergewöhnlich hohen Preise verkauft. Viel war in der Gegend von diesem Handel gesprochen worden.
In jener Nacht war der Pächter allein zu Hause gewesen, da seine Verwandten nach Vianden zur Kirmeß gegangen waren und erst anderntags heimkehren sollten. Der Pferdeknecht hatte in der Scheune geschlafen und vom Verbrechen nichts gemerkt, bis er morgens die blutüberströmte Leiche seines Herrn im Hausflur aufgefunden hatte. Alle Schränke waren erbrochen und das Geld verschwunden.