Die Aufregung in der ganzen Gegend war ungeheuer.

Bald lenkte sich der Verdacht auf das Heintzenhaus, denn die beiden Burschen waren es, welche am Morgen die Kunde von dem Verbrechen mit viel Entrüstung im Dorfe verbreiteten. Dem Nickelsbauer schien es verdächtig, daß die beiden nach Aussage der Mutter für einige Tage abwesend sein sollten und nun waren sie schon wieder zu Hause. Alles sprach sich leise herum; am Abend wurden die beiden Heintzen in Untersuchungshaft abgeführt.

Hartnäckig leugneten sie die Tat. Wo sie aber in jener Nacht gewesen, wußten sie anfangs nicht zu sagen. Zuletzt bestanden sie darauf, sie hätten nach Diekirch gehen wollen, da sie aber ein Gewitter gefürchtet, seien sie halbwegs umgekehrt und wieder nach Hause gekommen.

Gleich nach ihrer Verhaftung war eine Haussuchung im Heintzenhaus vorgenommen worden. Eine größere Summe Papiergeldes wurde dabei zu Tage gefördert, und weder Eltern noch Kinder wußten Aufschluß über dessen Herkunft zu geben. Zuletzt erkannte der Metzger, welcher die Ochsen der Bleesmühle gekauft hatte, in dem vorgefundenen Gelde eine Anzahl derselben Scheine wieder, die er dem Ermordeten in Ettelbrück ausgehändigt hatte. So verdichtete sich der Verdacht gegen die beiden immer mehr; immer mehr verwickelten sie sich in Widersprüche. Nach mehreren Wochen lügenhafter Abrede gaben sie endlich das Verbrechen zu und legten ein vollständiges Geständnis ab. Auch bekannten sie die Tat mit Vorbedacht begangen zu haben: „Zwar wäre es ihnen lieber gewesen,“ sagten sie, „wenn sie das Geld ohne Mord hätten an sich bringen können, doch hätten sie sich mit Waffen versehen, für den Fall, wo sie an der Arbeit überrascht werden sollten. Einer Gefangennahme und späteren Verurteilung hätten sie um jeden Preis vorbeugen wollen und so hätten sie den Mord geplant, für den Fall, wo ihr Einbruch hätte ruchbar werden können.“ Einige Monate vorher bereits hätten sie zu zwei verschiedenen Malen einen Einbruch in der Mühle versucht, wären aber jedesmal dabei verscheucht worden.

Unter solchen Umständen stand es fest, daß die beiden Verbrecher nicht freigesprochen werden konnten, sondern daß ihnen gegenüber die Gerechtigkeit in ihrer ganzen Strenge zur Anwendung kommen mußte. Niemand wunderte sich deshalb, als die beiden Gerichte, welche das Urteil zu fällen hatten, einstimmig das Todesurteil aussprachen.

Im tiefsten Verließ des Burggefängnisses warteten die Verurteilten auf den Tag der Hinrichtung. Wann diese aber stattfinden sollte, wußte ich noch nicht.

Da erschien eines Tages Rudi morgens zu ungewöhnlich früher Stunde an meinem Käfig und nahm mich mit auf unsern geliebten Ausschauturm. Ich fragte mich erstaunt, weshalb wir denn heute schon so früh hinaufstiegen. Bald sollte ich es erfahren.

Dem Ausschauturm grade gegenüber, auf dem kleinen Rundplatz auf der äußersten, etwas vorspringenden Felsenkante, standen zwei hohe Balken, die ich früher nie daselbst gesehen hatte. An diesen Balken war oben ein kurzer Seitenarm angebracht. Von diesen herab hing ein starkes Seil, dessen unterstes Ende in eine Schlinge auslief. An einem der Balken stand eine schwere Leiter angelehnt. Kleine Gruppen von neugierigen Zuschauern standen dicht in der Nähe, reckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich mit verhaltener Stimme. Auch Kinder sah ich an der Hand ihres Vaters schüchtern den Berg heraufkommen und ängstlich nach den beiden Balken schielen. Damit das schaurige Beispiel einer Hinrichtung sie heilsam schrecke, hatten die Väter sie mitgebracht, obwohl manche derselben gewiß lieber zu Hause geblieben wären.

Am jenseitigen Berge flatterten Raben von Baum zu Baum. Allmählig flogen sie näher und näher zur Burg heran. Leise Hoffnung stieg in mir auf, daß vielleicht meine lieben Eltern unter ihnen seien, und ich sie heute wiedersehen könnte. Wieder andere Raben flogen hoch in der Luft kreisend um das Schloß herum und ließen heisere, langgezogene Schreie gegen die Wälder von Flehbour ertönen.

Gegen acht Uhr öffnete der Gefängniswärter mit großen Schlüsseln die Haupttür des Burgverließes. Zwei Burgwächter, in ihrer frühern schwarzen Rüstung, begleiteten ihn. Angstvoll blickte ich hinunter, denn an all diesen Veranstaltungen erkannte ich, daß die Hinrichtung zweifellos an diesem Morgen stattfinden würde. Nach einigen Minuten kamen die drei wieder aus dem Verließ hervor. In ihrer Mitte führten sie gebunden die beiden jungen Verbrecher. Beschämt sahen diese zu Boden; beide hatten ein äußerst bleiches, verstörtes Aussehen. Das Gesicht zur Erde geneigt, gingen sie ganz gebrochen aber willig zur Richtstätte mit.