Meine Gedanken waren noch immer bei dem Schäferhannes. Wo sollte er weilen?
Plötzlich wurde ich in meinem Sinnen gestört. Im dürren Laube hörte ich hastige Schritte, welche sich rasch näherten. Scharf spähte ich durch die Äste nach dem Waldboden. Zwei junge Bauern stürzten schweißbedeckt aus dem Tale herauf.
Dicht unter dem Baum, worauf ich saß, blieben sie einen Augenblick stehen. Außer Atem beratschlagten sie in abgerissenen Worten, wohin sie weiterflüchten sollten. Der eine von ihnen deutete nach dem Ginsterfelde nebenan und dann darüber hinaus nach dem Dorfe. Der andere schien mit diesem Plan durchaus nicht einverstanden. Keuchend stieß er die Worte hervor: „Freies Feld ... erschießen!“ Aber es war keine Zeit zu verlieren, unten vom Tale herauf schallten fremdlautige Worte, und im dürren Laube am Waldesboden hörte man wieder Schritte, die sich vom Tale herauf näherten. Rasch entschlossen lief der eine der beiden Flüchtlinge im Zickzack durch den hohen Ginster. Der zweite aber blickte ratlos nach allen Seiten. Schließlich umklammerte er eine der mächtigen alten Eichen. Mit Aufbietung aller Kräfte suchte er dieselbe möglichst schnell zu ersteigen, um so der Gefahr zu entrinnen. Die Hälfte des Baumes hatte er ungefähr erklettert, da rannte schon ein französischer Soldat mit gefälltem Bajonett unter dem Baume durch. Schon spähte er im Weitereilen rings durch das Untergehölz und eilte dann durch das Ginsterfeld weiter. Nach oben hatte er nicht geschaut, und so war er an dem Flüchtling vorbeigelaufen. Kaum war er unter dem Baume verschwunden, da kletterte dieser rasch weiter. Der Baum war inwendig ganz hohl, ich kannte ihn von früher. Oben, wo die Äste auseinandergingen, konnte bequem ein Mensch hineinkriechen und sich darin verbergen. Das schien auch der Plan des Flüchtlings gewesen zu sein, denn sobald er die Äste erreicht hatte, schlüpfte er schon in den hohlen Baum. Genau hatte ich ihn beobachtet. Als ich nach einer Weile wieder zum Baume hinblickte, sah ich nur mehr seinen Scheitel sowie die Fingerspitzen, mit denen er sich oben an der Baumrinde festhielt. Vom Boden aus war es unmöglich, ihn zu entdecken.
Verschiedene Male sah ich noch unter dem Baume feindliche Soldaten suchend hin und herlaufen. Daß aber der Flüchtling, den sie suchten, im hohlen Baum steckte, ahnten sie nicht.
Nach Verlauf einer Stunde ungefähr gaben sie das Suchen auf und verschwanden wieder bergab in der Richtung nach Clerf.
„Wie wird sich der Verfolgte freuen!“ dachte ich. So nahe dem Verderben und nun doch noch glücklich gerettet!
Bange fragte ich mich, ob er nun gleich nach Abzug der Verfolger aus seinem Versteck herabsteigen oder ob er erst im Dunkel der Nacht sich auf den Heimweg begeben werde. Das Letztere hätte ich ihm entschieden angeraten.
Lange spähte ich durch den Wald, ob keine andern Feinde seinen Spuren folgten. Alles blieb still. Als ich wieder nach dem hohlen Baume sah, konnte ich nichts mehr von dem Flüchtling erblicken. „Vielleicht“, dachte ich, „ist er schnell herab gestiegen, während ich den Verfolgern nachsah, und er ist seinem Begleiter gefolgt.“ Um mich zu vergewissern, überflog ich in niedriger Höhe den Baum. Der junge Mann war wirklich verschwunden. Nur die tiefe Höhlung sah ich schwarz im Baume klaffen.
Von allem, was ich im Walde gesehen, war ich sehr aufgeregt, und schon hatte ich gedacht, mich in einigen Tagen nicht mehr aus den Bäumen herauszuwagen. Wer wußte auch, ob nicht irgendwo ein Franzosensoldat auf der Wache liege und mir in einem unbewachten Augenblick eine totbringende Kugel heraufsenden könnte. Aber anderseits plagte mich doch die Neugierde, und nur zu gerne wäre ich nach Clerf geflogen, um über den Ausgang des Treffens Näheres zu erfahren. Auch das Los des Schäferhannes, der gewiß am Kampfe teilgenommen, da er schon so lange nicht mehr mit den Schafen zur Weide gekommen, beunruhigte mich sehr. Zuletzt siegte die Neugierde.
Vorsichtig hob ich mich über die Bäume und flog gegen Marnach, von woher früh am Morgen die ersten Schüsse gefallen waren. Doch kaum war ich fünf Minuten geflogen, als ich rasch niedersteigen mußte. Auf der Landstraße marschierten ganze Scharen französischer Soldaten. Schußbereit trugen sie die Flinte in den Händen. „Soldatenvolk ist leichtfertig“, dachte ich. „Mein Leben durch eure Kugeln zu lassen ist mir gar nicht lieb.“ Rasch verbarg ich mich in einer dichten Tanne. Erst im schützenden Dunkel der Nacht wollte ich nach Hause zurückkehren.