Schon lag heller Mondschein über den Fluren, als ich nach Reuler zurückflog. In der Straße standen schwarze Gestalten vor den Haustüren. Wer war es und was mochten sie so leise sprechen? Geräuschlos ließ ich mich am Wege nieder, um zu horchen. Doch es war umsonst. Alle redeten nur mit leiser Stimme. Soviel erfuhr ich nur, daß es Dorfleute waren, die die Ereignisse des Tages besprachen.
Gegen Mitternacht kam ich an meiner Wohnung an. Alsbald versank ich in tiefen Schlaf, denn von all den Aufregungen des vergangenen Tages war ich todmüde geworden.
Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als ich andern Tags erwachte. Dicht aus meiner Nähe kamen menschliche Hilferufe. Sofort dachte ich an die beiden Flüchtlinge von tagszuvor. Oder sollte sich vielleicht ein Verwundeter von Clerf herauf bis hiehin geschleppt haben und nun erschöpft im Walde liegen, ohne weiterkommen zu können? Ringsherum spähte ich durch den Wald, konnte indes keinen Menschen entdecken. Und doch tönten die Hilferufe immer weiter. Ich horchte nach der Richtung und flog einige Bäume weiter. Blitzartig stieg mir ein Gedanke auf. Der Flüchtling, der gestern den Baum erstiegen und sich darin versteckt hatte, wird es doch nicht sein?
Ich eilte zur alten Eiche. Richtig, da kamen die dumpfen Rufe tief unten aus dem dunkeln Baume. Mit einem Schlage war mir alles klar. Eine dünne, schon angefaulte Holzschicht war es wohl nur gewesen, auf die er sich im Baume gestellt hatte, und nun war diese eingebrochen, und so hatte er plötzlich allen Halt verloren. Einige Zeit mochte er sich noch festzuhalten vermocht haben, dann aber hatten schließlich die Finger seine ganze Last nicht mehr tragen können. Sich herauszuarbeiten war unmöglich, und so war er schließlich hinuntergestürzt in den tiefen, hohlen Baum. Nun lag er drunten in der Finsternis und war rettungslos verloren, wenn ihm nicht bald von außen Hilfe kam.
„Armer Mensch,“ dachte ich, „wie will Jemand hier im Walde deine Rufe hören, und sollte auch Jemand sie vernehmen, wie kann er dich in diesem Gefängnis finden?“ Ich selbst konnte ihm nicht helfen; was hätte ich für ihn tun können? So rief er den ganzen Nachmittag, während des Abends und manchmal noch während der Nacht. Wie aus der Unterwelt herauf schallte seine schaurige Stimme durch das stille Dunkel des Waldes.
Zwei lange Tage verstrichen. – Von Stunde zu Stunde wurde seine Stimme flehentlicher. Erst am Nachmittag des dritten Tages kamen zwei Männer in die Gegend.
Wieder rief es herzzerreißend aus dem hohlen Baum: „Hilfe, Hilfe!“ Wie aus den hohen Lüften schien der Ruf zu kommen. Die Männer hatten die Stimme gehört. Auch sie dachten an einen Verwundeten und suchten im Dickicht. Sie fanden nichts.
Wieder erscholl die Stimme. Durch die Baumkronen schien sie diesmal in den Wald dahinzuziehen.
Erschrocken eilten die Männer davon. Nach einiger Zeit kamen sie mit verschiedenen Dorfbewohnern zurück. Alle suchten die Gegend auf’s genaueste ab.
Immer noch erscholl das geheimnisvolle Rufen. Man suchte und suchte. Dann horchten sie wieder und suchten noch einmal. Einige hatten schon das Ohr an den Boden gelegt; um zu lauschen; ganz bis in die Nähe des hohlen Baumes war niemand gekommen.