Da alles Suchen vergebens blieb, begann es den Männern unheimlich zu werden. Fragend blickten sie einer den andern an.
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, sprach endlich einer von ihnen schüchtern. „Hilferufe ertönen und niemand ist da, von dem sie kommen! Schließlich fange ich an zu glauben, was einst unsere Großmutter erzählte. Hier im Walde gehe seit Jahrhunderten der Geist eines Mörders um, der keine Ruhe finden könne. In früheren Zeiten schon habe man manchmal in stillen Nächten seine kläglichen Hilferufe vernommen.“
Keiner der Männer entgegnete ein Wort. Wehmütig klagend drang abermal die Stimme durch den Wald. Die Sucher erbleichten. Einer um den andern verschwand eilig durch das Ginsterfeld. Lange Zeit sah ich keinen Menschen mehr in der Gegend.
Anderntags ertönten die Hilferufe viel schwächer. Allmählich gingen sie in ein leises Stöhnen und Wimmern über, bis auch dieses in einer stürmischen Nacht verstummte.
Zwanzig Jahre später fand der Holzschlag an dieser Stelle des Waldes statt. Auch die hohle Eiche wurde gefällt. Als sie mit dumpfem Schlage bergab zur Erde stürzte, rollten aus ihr der weiße Totenschädel und die gebleichten Gebeine des in ihr verhungerten Mannes.
„O der Unglückliche!“ klagten die Räblein, „das war ein bitterer, grausiger Tod. Wie schade, daß man den armen Mann nicht beizeiten gefunden und herausgezogen hat!“
Der kleine Rapsi weinte.
Der Schäferhannes hatte die Räblein gerne; oft flog ich zu ihm hin und lauschte seinen Gesprächen.
„Hu Väterchen,“ sprach er leise, indem er zitternd näherrückte, „bitte, erzähle heute Abend keine so schaurige Geschichte mehr. Ich fürchte heute Nacht kehrt sie mir im Traume wieder; ich sehe dann lauter bleiche Schädel und verhungerte Tote und ich sterbe fast vor Angst. Vielleicht schreie ich wieder im Schlafe laut auf wie letzthin, und morgen spotten meine Brüder. Väterchen Hans, erzähle lieber von deinen Jagden oder wie du die bösen Menschen betrogen hast, du weißt ja. Neulich hast du uns so lange und so spannend davon gesprochen.“