Die Dächer der Augenhöhlen steigen aber schräger in die Schädelhöhle auf und vermindern hierdurch den Raum für den untern Theil der vordern Lappen des Gehirns, auch ist der absolute Rauminhalt des Schädels viel kleiner als beim Menschen. So viel mir bekannt ist, ist bis jetzt noch kein menschlicher Schädel, von einem erwachsenen Manne, mit einem geringern cubischen Inhalt als 62 Cubikzoll beobachtet worden; der kleinste unter allen Rassenschädeln, den Morton untersucht hat, enthielt 63 Cubikzoll, während auf der andern Seite der geräumigste Gorillaschädel, der bis jetzt gemessen worden ist, nicht mehr als 34½ Cubikzoll Inhalt hatte. Wir wollen der Einfachheit wegen annehmen, dass der niedrigste Menschenschädel einen doppelt so grossen Rauminhalt hat, als der höchste Gorillaschädel[29].

Dies ist ohne Zweifel ein sehr auffallender Unterschied, er verliert aber viel von seinem scheinbaren systematischen Werthe, wenn er im Lichte gewisser anderer gleichfalls unbezweifelbarer Thatsachen betreffs der Schädelmaasse betrachtet wird.

Die erste derselben ist die, dass die Verschiedenheit im Umfange der Schädelhöhle bei verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts absolut viel grösser ist, als die zwischen dem niedersten Menschen und dem höchsten Affen, während sie relativ ungefähr dieselbe ist. Der grösste von Morton gemessene menschliche Schädel enthielt nämlich 114 Cubikzoll, das heisst also, hatte sehr nahe den doppelten Inhalt des kleinsten, während sein absolutes Uebergewicht von 52 Zoll bei weitem grösser ist, als die Differenz, um welche der niedrigste erwachsene menschliche männliche Schädel den grössten Gorillaschädel übertrifft (62- 34½ = 27½). Zweitens differiren die bis jetzt gemessenen Gorillaschädel untereinander um beinahe ein Drittel, der grösste Inhalt ist 34,5 Cubikzoll, der kleinste nur 24 Cubikzoll; und drittens sinken, wenn man selbst die Differenz der Grösse gehörig in Rechnung bringt, die Schädelinhalte einiger der niederen Affen relativ nahebei so weit unter die der höheren Affen, wie diese unter die des Menschen.

Die Menschen weichen daher selbst in diesem wichtigen Zuge des Schädelinhaltes viel weiter untereinander ab, als von den Affen, während die niedrigsten Affen im Verhältniss ebensoweit von den höchsten abweichen, wie diese vom Menschen. Der letzte Satz wird noch besser erläutert durch das Studium der Modificationen, welche andere Theile des Schädels in der Affenreihe erleiden.

Fig. 17. Durchschnitte der Schädel des Menschen und verschiedener Affen, so gezeichnet, dass in jedem Falle die Gehirnhöhle dieselbe Länge hat, wobei das wechselnde Verhältniss der Gesichtsknochen deutlich wird. Die Linie b giebt die Ebene des Tentorium an, welches das grosse vom kleinen Gehirn trennt; d die Axe des Hinterhauptsloches des Schädels. Die Ausdehnung der Gehirnhöhle hinter c, welches eine auf b in dem Punkte, wo das Tentorium hinten befestigt ist, errichtete Senkrechte ist, giebt den Grad an, in welchem das grosse Gehirn das kleine überragt, der vom letzten eingenommene Raum ist durch die dunkle Schraffirung bezeichnet. Vergleicht man diese Zeichnungen, so muss man sich daran erinnern, dass Figuren in einem so kleinen Maassstabe wie diese nur die im Texte gemachten Angaben beispielsweise zu erläutern bestimmt sind, deren Beweise in den Schädeln selbst gesucht werden müssen.

Es ist die bedeutende relative Grösse der Gesichtsknochen und das bedeutende Vorspringen der Kinnladen, welche dem Gorillaschädel seinen kleinen Gesichtswinkel und thierischen Charakter verleihen.

Betrachten wir aber die proportionale Grösse der Gesichtsknochen nur zu dem eigentlichen Schädel, so differirt die kleine Chrysothrix (Fig. 17) sehr weit vom Gorilla, und zwar nach derselben Seite wie der Mensch, während die Paviane (Cynocephalus, Fig. 17) die starken Proportionen der Schnauze des grossen Anthropoiden noch übertreiben, so dass des letztern Gesicht im Vergleich mit dem ihrigen mild und menschlich aussieht. Die Verschiedenheit zwischen dem Gorilla und dem Pavian ist selbst grösser, als sie auf den ersten Blick scheint; denn bei dem ersten kommt die grosse Gesichtsmasse zum grossen Theil auf Rechnung einer Entwickelung der Kinnladen nach unten; dies ist aber eine wesentlich menschliche Eigenthümlichkeit, die hier zu der wesentlich thierischen Entwickelung derselben Theile beinahe nur nach vorn hinzukommt, welche den Pavian charakterisirt, noch merkwürdiger aber den Lemur auszeichnet.