„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat. Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist über die Zeit!“

„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.

Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.

Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt. „Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt.

Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!“ Und dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze.

So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege sagte Joachim:

„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“

„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung beizuwohnen.“

So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr Anliegen vorzubringen.

Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte.